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und Staatsbibliothek in seinem Hause, ob er nun gerade über Baoo vonVerulam schrieb oder nicht. Sogar Döllingers Geschichte des Urchristen-tums lag gelegentlich auf dem Tisch. Über Kopps schwer gelehrte Ge-schichte der Chemie hat sich keiner mehr gefreut als er; sie war dieUnterlage für die köstliche Darstellung der Phlogiston-Theorie in den„chemischen Briefen“: da ist er fast wider Willen selber zum Historikergeworden, und es gibt Leute, die an diesem Beispiel den ersten Eindruckhistorischer Auffassung der Dinge erlebt haben. Nichts lag ihm ferner,als etwa den maßlos gelehrten Alexander von Humboldt gering zuschätzen; schon die unerhörte Leistung, die im Kosmos vorlag, erfüllteihn mit Andacht. Er hätte jeden niedergedonnert, der es gewagt hätte,an seinem großen Gönner zu mäkeln.
Auch war er selbst ein Gelehrter geworden, weniger durch die Schuleals durch das eigene Leben und nie durch totes Gedächtnis, immerdurch lebendigste Aneignung. Wenn er Stilübungen haßte, so wurdeer doch selber nie müde, die Form der eigenen Darstellung zu pflegenund durch Feilung zu erhöhen, stets freilich in der Meinung, daß esnur der Sache wegen geschehe. Für ihn entstand die Form aus demInhalt heraus, und so ist sie bei schöpferischen Geistern zu allen Zeitenentstanden. Nicht alexandrinische Künstelei erschafft das Schöne. DieSchönheit ist der ungesuchte Lohn, den die Musen dem erteilen, der mithöchstem Ernste den Inhalt seiner Gedanken zum einfachsten Ausdruckebringt. In diesem Sinne war er ein Künstler.
Aber das höchste Kunstwerk, das er schuf, war er selbst. Sich selberhat er emporgebildet zu einer staunenswerten Ganzheit und Abrundung,ohne fremde Hilfe, ganz und gar aus sich heraus. „So liegt es in mir;das, was ich bin, soll ganz zum Vorschein kommen“, das verkündigte jedeseiner Taten und jede Bewegung seiner Gestalt.
In Alexander von Humboldt ragte noch eine Säule des achtzehntenJahrhunderts empor. Liebig war einer der ersten, die als Söhne desneunzehnten Jahrhunderts auf den Plan traten. Die Überlieferung warihm nichts, die Gegenwart und die Zukunft waren ihm alles. Er wolltenicht Gewordenes verstehen, sondern seine Zeit bilden, wie sie ihm vor-schwebte. Als unbefangene Kraftnatur schuf er nach eigenem Ideal.Die Stilisten hat er verworfen, aber er selber aus seiner Kraft heraushatte Stil. Er war der vollendete Ausdruck des modernen Menschen,der sich aus eigenem Rechte seine Geltung verschafft. „Wir in diesemneunzehnten Jahrhundert wollen sein, wie wir sind; wir treiben Natur-