Druckschrift 
3 (1838)
Entstehung
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310
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Fünfzehnter Brief,

»cm gemeinen Kopfe findet, bedauert, daß er nicht in einemder Ewigkeit gewidmeten Werke stehet, ob er gleich noch um eingrosses ausgeputzt werden müßte, ehe er dämme glänzen könnte.8ie milii, <jni multum cekl'at, fit ^lioei-ilus ille,tjuem torcnio 1»onum cum ril'u niiror: et itlomIncliZnor, <^uanl1o«juo lionus clvrmitat Homorus.

Horaz .

Es ist eben dieselbe Zärtlichkeit des Geistes, welche die Schön-heit einer Sache fühlet, und welche die Mängel derselben em-pfindet. Tadeln und loben, was zu tadeln und zu loben ist,muß also gleich rühmlich seyn. Man thue nur beydes mit Ge-schmack. Ich habe oft Kenner Meisterstücke der Bildhauerkunstund Mahlerey betrachten sehen. Ihr Urtheil fing sich mit einerstillen Bcwnndriing au, und endlich glaubten sie es nicht besserbeweisen zu können, daß sie alle Vollkommenheiten des Gegen-standes empfänden, als wenn sie dasjenige anzeigten, was da-bey weniger zu bewundern sey. Zhr Aber war schmeichelhafter,als alle Ausruffungcn des Pöbels, der sich von dem Erstaunenhinrcisscn ließ.

Zctzo sehe ich es erst, daß mein Eingang ziemlich wcit-läuftig ist. Kaum könnte er grösser seyn, wenn ich auch eineEritik über den ganzen Messias, über die Gesänge welche schongedruckt sind, und über die welche noch folgen könnten, vorhätte.Wird er also nicht für die ersten zwanzig Zeilen zu lang seyn?

Ich muß mich erklären, warum ich cbcn dicsc gcwählt habe.Ich sahe es ein, und wcr sieht cs nicht ein? daß das Gedichtefertig seyn müßte, wenn man von der Ockonomic dcssclbcn ur-theilen wollte. Noch ist der Dichter mittcn in dcm Labyrinthc.Man muß cs erwarten, wie er sich heraus findet, ehe manvon der Handlung, von ihrer Einheit, von ihrer Vollständigkeit,von ihrer Dauer, von der Verwicklung und Entwicklung, vonden Episoden, von den Sitten, von den Maschinen, und vonzwanzig andern Sachen etwas sagen kann. Alles, was sichbis jetzt beurtheilen läßt, sind die Schönheiten der Theile, vonwelchen man nur Host, daß sie ein schönes Ganze ausmachenwerden; von den Ausdrücken, von den Beschreibungen, von denVcrglcichungcn, von den eingestreuten Gesinnungen :c.