Druckschrift 
3 (1838)
Entstehung
Seite
329
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(nnundjw.nijigsier Brief.

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Einundzwanzigster Brief.An den Herrn S.Ich habe gestern von B " eine sehr traurige Nachricht er-halten. Der Freund, dessen ich so oft gegen Sie erwähnt habe,ist auf der Reise in sein Vaterland gestorben. Es geht mirnahe, wenn ich bedenke in was für Gesinnungen von mir ervielleicht gestorben ist. Nach einer langen ununtcrbrochncnFreundschaft mußte uns eine Kleinigkeit cntzwcycn, welchermeine Abwesenheit am meisten zu statten kam. Doch diese Klei-nigkeit war es nicht allein die ihn wider mich aufbrachte. Weheeuch, die ihr mit Verleumdungen sein Bette umlagert hieltet!Euch müsse es nie gelingen, einen Freund zu finden; oder wannihr ihn ja gefunden hättet, so müsse ihn auf einmal, ohne euerVerschulden, Haß und Rache wider euch erfüllen! Und in die-sem Augenblicke müsse er sterben, um euch in jener Welt miteinem schrecklichen Gesichte zu erwarten! Ich würde die strengsteGerechtigkeit zwischen mir und ihm zum Richter haben nehmenkönnen, und ich weis gewiß, sie würde für mich gewesen seyn.Doch er ist todt, und sein Tod macht ihn in meinen Augenvon allen Vorwürfen frey, und mich allein schuldig. Ich magihn wirklich, oder nur seiner Einbildung nach beleidiget haben;genug er ist beleidigt. Er ist es, und ich mnß ihn versöhnen.Aber wie? Möchten mir doch die Worte des Horaz : ^.Weanturecu-mmc- manes, nicht umsonst eingefallen seyn! Möchte es dochwahr seyn, daß dieses das Mittel wäre! Doch es sey es, odersey es nicht; ich werde wenigstens eine Art des Trostes undder Beruhigung darinnc finden. Schon sammle ich die traurig-sten meiner Gedanken; und bald entwerfe ich sein Bild, das ichso reizend nicht würde entworfen haben, wenn wir uns nichtcntzwcvt hätten. Schon ist mein ganzer Geist dazu vorbereitet,und schon gestern hab ich ihm, oder wann Sie lieber wollen,meiner Muse, lange nnd schwere Harmonien befohlen.

Die ich dich nie dem Ehor unschuldgcr Scherze raubte,

Und schwer beklemmt zu bangen Klagen rief,

Die Rosen heut, o Muse, von dem Haupte,

Das gestern noch im Schooß der frohen Jugend schlief;

- M