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sonderes Kennzeichen naturwissenschaftlichen Wissens. Auch die„strengsten“ Naturgesetze (die „Mikro“-Gesetze) entbehren der Not-wendigkeit.
Diese Einsicht ist dem Logiker seit Aristoteles , der schon den„streng wissenschaftlichen Charakter“ der Induktion geleugnet hat,nie verborgen gewesen: daß die Naturgesetze auch als allgemeinsteGesetze „induktiv gewonnene Hypothesen (bleiben) und alles deduk-tiv von ihnen Abgeleitete ... an ihrem hypothetischen Charakter teil-nimmt“ 24 . „Notwendigkeit kann aus der Erfahrung nicht ab-genommen werden...“ Die Erfahrung lehrt mich zwar, „was da seiund wie es da sei, niemals aber, daß es notwendigerweise so undnicht anders sein müsse“... „Die Erfahrung kann uns nur zeigen,daß oft und, wenn es hoch kommt, gemeiniglich auf einen Zustandein anderer folge, und kann also weder strenge Allgemeinheit nochNotwendigkeit verschaffen .“ 25 „Jede empirische, bloß durch Induk-tion gewonnene Erkenntnis (hat) immer nur approximative, folglichprekäre, nie unbedingte Gewißheit.“ „Sogar das allgemeinste undausnahmsloseste aller... Naturgesetze, das der Gravitation, ist schonempirischen Ursprungs, daher ohne Garantie für seine Allgemein-heit .“ 26 „Weil etwas berechenbar ist, ist es deshalb schon not-wendig ?“ 27 Naturgesetze sind „ungefähre Allgemeinheiten der Ko-existenz und Sukzession, auf Tatsächlichkeiten bezüglich, die in einemFalle so, im anderen anders sein können“... „Durchschnittsallge-meinheiten, von denen es heißt: ,Keine Regel ohne Ausnahme“.“ „DieInduktion begründet... nicht die Geltung des Gesetzes, sondern nurdie mehr oder minder hohe Wahrscheinlichkeit dieser Geltung; ein-sichtig gerechtfertigt ist die Wahrscheinlichkeit, nicht das Gesetz.“„Ihre Allgemeinheit ist also keine ,reine“ oder ,unbedingte“, undebenso ist die Notwendigkeit alles ihnen untergeordneten, dinglichenGeschehens mit ,Zufälligkeit“ behaftet. Die Natur mit allen ihrenphysikalischen Gesetzen ist eben ein Faktum, das auch anders sein
24 E. v. Harlmann, Die Weltanschauung der modernen Physik. 2. Aufl.
1909. S. 2 11. *
25 I. Kant, Prolegomena. SS 2, i 4 , 33 .
20 Schopenhauer, Vierfache Wurzel usvv. S 20.
27 F. Nietzsche, Werke (Großoktavausgabe) t5, S. 3i/|.