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Ein Theoretiker, der das Verfahren der „orthodoxen“ Rich-tung sich zu eigen machte und dem man — z. B. Spanntut es — ebenfalls gern seinen „Individualismus“ vorwirft, istKarl Marx . Aber der Grundgedanke seines Systems ist doch der,daß die Gesellschaft nicht aus einer Summe von Individuen bestehe,sondern ein Ganzes sei. Seine Grundauffassung ist die: kein sozialerVorgang könne anders als durch sein Verhältnis zum Ganzen erklärtwerden. Alle seine Begriffe sind „Funktionsbegriffe“ (im SinneSpanns). Ein so gründlicher Kenner von Marx , wie G. Lukacz,rückt denn auch mit Recht den Totalitätsgedanken von Marx in denMittelpunkt des Marxschen Denkens. „Nicht die Vorherrschaft derökonomischen Motive in der Geschichtserklärung unterscheidet ent-scheidend den Marxismus von der bürgerlichen Wissenschaft, sondernder Gesichtspunkt der Totalität .“ 6 Es ist gewiß nicht falsch, wennman Marx als Integralisten bezeichnet 6 .
Und die Funktionalisten oder Relationisten: sind es nicht wahreMuster von „Ganzheits“-Theoretikem?! Es ist keineswegs erstaun-lich, wenn die Vertreter dieser Richtung die „Ganzheitsbetrachtung“geradezu als das Kennzeichen ihrer Lehre ansehen: „Nul ne peut nierque seule (!) l’economie mathematique, celle de Pareto surtout,n’ait ^bonsidöre systematiquement la soci 6 te economiquecomme un ensemble maintenu pas les liens de mutuelle depen-dance .“ 7
Die Verwirrung haben hier offenbar’ der verschwommene Begriffder Ganzheit und der noch verschwommenere Begriff des Indi-vidualismus angerichlet. Ganzheit bedeutet hier zweierlei: x. Totalität= soziale Verbundenheit, Einbezogenheit (Gegensatz: Vereinzeltheil,„Atomismus“ ); 2. Universalität = Vollständigkeit (Gegensatz: Teil-heit, Unvollständigkeit). Jenen Ganzheitsbegi'iff, dessen Mangel dieKritik also zu Unrecht rügte, hatten viele der Orthodoxen, diesenhatten viele, dank ihrer naturwissenschaftlichen Einstellung, nicht.„Individualismus“ steht in gar keinem Gegensatz zur Ganzheit 2 =Universalität, dagegen steht er einmal im Gegensatz zu Totalismus,das andere Mal zu Universalismus im üblichen Sinne. Das eine Mal
6 G. Lukacz, Geschichte und Klassenbewegung. 1923. S. 39.
6 P. Andrei, Das Problem der Methode in der Soziologie. 1927. S. 9fT.
7 G. H. Bousquet, Essai cit. pag. i 5 g (Unterstreichungen von mir).