Der Punkt, worin wir heute von Kant abweichen, betrifft die Wahlder systembildenden Ideen. Diese Wahl wurde nach Kant aus-schließlich durch die formalen Bedürfnisse der Erkenntnisse be-stimmt. „Dergleichen Vernunftbegriffe werden nicht aus der Naturgeschöpft; vielmehr befragen wir die Natur nach diesen Ideen(d. h. mit Hilfe dieser Ideen; W. S.) und halten unsere Er-kenntnis für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat ist.“ 68Kants Standpunkt wird dadurch begründet, daß er als Gegen-stand der Erkenntnis nur die (äußere) Natur kennt. Für diese magdas Gesagte zütreffen. Für die Erkenntnis der Kulturzusammen-hänge gilt es nicht. Hier steht uns die Wahl der systembilden-den Ideen keineswegs frei, sind diese' vielmehr durch die Eigen-art der Sache gegeben. Hier gilt das, was der obengenannte Lorenzvon Stein , der sich viel Mühe gegeben hat, ein System der National-ökonomie zu finden, über das Problem ausführt 69 : „Es ist in allerWissenschaft die große Funktion dessen, was wir im Unterschiedevon einer willkürlichen oder weniger zweckmäßigen Anordnung desStoffes ein System nennen, gerade diesen Zusammenhang (aller Er-scheinungen) als' einen organischen und eben darum auch für jedenMenschen täglich gegenwärtigen und wirksamtätigen darzulegen. EinSystem kann daher niemand erfinden. Es ist in seinen Elementen,bereits auf dem Punkte gegeben, auf welchem es beginnt. Es ent-wickelt sich daher durch sich selber.“ Daß es diesem genialen Mannedoch nicht gelungen ist, ein lebendiges und lebensfähiges System fürunsere Wissenschaft zu schaffen: daran ist wohl seine allzntiefe Ver-strickung in Hegelsche Gedankengänge schuld gewesen.
Halten wir Umschau nach „Ideen“, mit deren Hilfe wir die Na-tionalökonomie als Wissenschaft aufbauen können, so werden wirdrei Arten solcher Ideen unterscheiden müssen. Ich will sie be-zeichnen als: i. Grundidee, 2 . Gestaltidee, 3. Arbeitsideen.
1. Die Grundidee
x. Die Grundidee jeder Kulturwissenschaft kann nur eine jenerIdeen sein, durch die Kultur ins Leben gerufen wird und die die
88 Kant, a. a. 0. S. 5i2f.
69 Lorenz v. Stein, Lehrbuch der Nationalökonomie. 3. AuQ. S. goff.