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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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Die Idee der Wirtschaft ist ein raum- und zeitloser Vernunit-begriff: sie erfaßt ungestalteten, objektiven Geist. Nun ist aberWirt-schaft im Sinne von Wirtschaftsleben ein räumlich und zeitlichgebundener Tatsachenkomplex. Alle Kultur, somit auch alle Wirt-schaft, wenn sie wirklich ist, ist Geschichte. Die Idee der Wirt-schaft konkretisiert sich also immer in bestimmten, historischen Er-scheinungen: die Wirtschaft in der Geschichte nimmt stets Gestaltan; ist gestalteter, objektiver Geist. Wie es keine Religion,, keineKunst, keine Sprache, keinen Staatin abstracto (außer in der Idee)gibt, sondern immer nur eine bestimmte Religion, eine bestimmteKunst, eine bestimmte Sprache, einen bestimmten Staat, so gibt esauch keine Wirtschaft in abstracto, sondern immer nur eine ganzbestimmt geartete, historisch besondere Wirtschaft.

Aufgabe aller Kulturwissenschaften ist. es nun, Mittel und Wege zulinden, die von ihnen bearbeiteten Kulturerscheinungen in ihrer ge-schichtlichen Besonderheit zu erfassen. Es gilt, ein bestimmtesKulturgebiet dadurch gleichsam wissenschaftsreif zu machen, daßman lernt, durch Heraushebung seiner historischen Konkretheit seineStellung in der Geschichte zu bestimmen und cs in seiner Eigenartvon anderen Verwirklichungen derselben Kulturidee zu unterscheiden.Das erreicht man abermals mit Hilfe einer an den Tatbestand heran-getragenen Idee, die aber in diesem Falle keine abgrenzende, sonderneine gestaltende Funktion auszuüben berufen ist.

So bedienen sich beispielsweise die Sprachwissenschaft der Ideeder inneren Sprachform, die Religionswissenschaft der Idee des Dog-mas, die Kunstwissenschaft der Idee des Stils, um die jeweilige histo-rische Eigenart eines von ihnen untersuchten Kulturgebietes zu be-stimmen. /l* -

Einer solchen gestaltenden Idee, mittels deren sie ihren Stoff zuSystemen zu ordnen vermag, bedarf nun die Wirtschaftswissenschaftebenfalls. Eine solche Idee ist berufen, das Wirtschaftsleben einerbestimmten Zeit in seiner grundsätzlichen Eigenart zu erfassen,es zu unterscheiden von der Gestaltung der Wirtschaft in anderenWir(schaflse[K)chen und damit große historische Perioden dermenschlichen Wirtschaft abzugrenzen.