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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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geradezu als ein Zeichen tiefgründiger Forschung. Einer besonderenVorliebe für dieses Verfahren begegnen wir bei den meistenMarxisten, die sich dabei mit Recht auf ihre Meister berufenkönnen. So läßt sich Friedrich Engels über diesen Punkt einmalwie folgt aus 97 : Die Beweggründe der handelnden Personen sind nurvon geringer Bedeutung. Es fragt sich vielmehr,welche treibendenKräfte -wieder hinter diesen Beweggründen stehen, welche geschicht-lichen Ursachen (!) es sind, die sich in den Köpfen der Handelndenzu solchen Beweggründen umformen. Diese Frage habe sich deralte Materialismus nie vorgelegt,weil er die dort (in der Geschichte)wirksamen ideellen Triebkräfte als letzte Ursachen hinnimmt, stattzu untersuchen, was denn hinter ihnen steht, was die Triebkräftedieser Triebkräfte sind (!).

Das ist ein ganz unhaltbarer Standpunkt. Gegen die von Engels vor-getragene Ansicht läßt sich zunächst einwenden, daß sie auchwenn die geforderte Zurückverfolgung derUrsachen des Ge-schehens grundsätzlich zulässig wäre praktisch unlösbare Aufgabenstellen würde. Denn die Zurückführung würde ja den regressus ininfiriitum bedeuten, da sich an keiner Stelle der Ursachenreihe mitirgendwelchem Anspruch auf Richtigkeit erweisen ließe, daß es sichnun umletzte Ursachen handele. Aber das Zurückgehen hintermenschliche Motive ist grundsätzlich unstatthaft. Wir würdendamit auf verstellende Erkenntnis überhaupt verzichten. Diese stehtund fällt mit dem Grundsatz: daßletzte Ursachen in allem Kultur-geschehen menschliche Motive sind. Dieser Grundsatz, können wiralso auch sagen, ist ein Apriori jeder Kulturwissenschaft. Undzwar wie ich hinzufügen will sind die Motive Motive ausFreiheit.

Die Annahme der Willensfreiheit bedeutet in diesem Zusammen-hänge kein ontologisches (metaphysisches), sondern ein logisches(transzendentales) Urteil. Sie allein macht Kulturwissenschaft mög-lich (und es bleibt dem einzelnen überlassen, ob er sie als Fiktionoder als Realität auffassen will). Ohne diese Annahme verfallen wirder Metaphysik: der guten, wenn wir etwa im menschlichen Willen

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Friedrich Bingeis, Ludwig Feuerbach . 9 . Aufl. 1894. S. f\(\.