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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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erdachten Fälle in einem Schema verarbeiten: etwa wirtschaftlicheHandlungen auf ihre Rationalität hin in einem Wirtschaftssystemuntersuchen, das noch niemals verwirklicht ist. Sie beanspruchendeshalb auch in keiner Weise, die wir klichen Zusammenhänge wider-zuspiegeln. Im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Hypothesen be-einträchtigt die Feststellung, daß die Schemata im konkreten Falleeine gültige Deutung nicht erhalten, ihren Erkenn tniswert ebenso-wenig, wie z. B. die empirische Nicht-Geltung des pseudosphärischenRaumes dieRichtigkeit seiner Konstruktion. Man spricht wohl voneiner Annäherung der Wirklichkeit an das Schema. Das kann nurden Sinn haben, daß die wirtschaftlichen Vorgänge in dem Maße,wie sie zweckrational gestaltet werden, dem in dem Schema dar-gestellten Vorgänge ähnlicher werden. Doch bleibt der Abstandzwischen Wirklichkeit und Schema immer nochunendlich groß,nämlich der zwischen Empirie und Theorie.Ein sogenanntes ,em-pirisches' Gesetz ist eine empirisch geltende Regel mit problema-tischer kausaler Deutung, ein teleologisches Schema rationalenHandelns dagegen eine Deutung mit problematischer empirischerGeltung: beide sind also polare Gegensätze.

Nun ist das Seltsame dies, daß man gerade diese rationalenSchemata mit besonderer Vorhebe alsWirtschaftsgesetze be-zeichnet hat, und zwar hat man dabei offenbar an Naturgesetze ge-dacht, mit denen sie, wie wir festgestellt haben, in keiner Weise inVerbindung gebracht werden können. Wir haben ja gesehen, wiedas naturwissenschaftliche Denken der ordnenden Nationalökonomieauf die Aufstellung von Gesetzen ganz nach Art der Naturgesetzehinausläuft. Und die Gesetze, die man vor allem im Auge hatte, warendie hier besprochenen Fiktionsgesetze. Was man aber nicht geahnthat, ist dieses: daß die Schemata, die zwar den Namen desNatur-gesetzes, also des Pseudo-Gesetzes, nicht verdienen, eines Tages ge-rade deshalb, weil es keine unechten (Natur-)Gesetze sind, als echteGesetze erkannt werden würden. Das nämlich sind sie. Es sind echteSinngesetze, ausgestaltet mit der Würde der Notwendigkeit und gene-rellen Geltung deshalb, weil es verites de raison, apriorische Wahr-heiten ohne jede Beziehimg auf empirisches Dasein sind. Ihr Wahr-heitswert liegt in der Rationalität ihres Inhalts.