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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren.

Und der geplagte Reisende, der mehrere dieser souveränenReiche durchquerte, hatte nicht nur unausgesetzt sich mit den Zoll-wächtern herumzuschlagen: was ihu zur Verzweiflung bringen mußte,waren die Plackereien mit den hunderterlei Münzeu, die esimmerfort zu wechseln galt. Wer sich für die bunte Welt derdeutschen Numismatik im Anfange des neunzehnten Jahrhundertsinteressiert und nicht irgend ein langweiliges Fachbuch nachschlagenmag, den verweise ich auf die Kapitel in dem noch heute stellenweiselesbaren Buche des schon genanntenin Deutschland reisendenDeutschen ". Sie finden sich im vierten Bande seiner gesammeltenWerke. In Summa: Kein Wunder, wenn der nervöse Reisende5. 1a Borne, der einige Tage solcherweise gemartert war, ausrief:ich möchte aus der Haut fahren, Ware nur eine Öffnung großgenng, mich durchzulassen, da ich ganz geschwollen bin vor Wut."

Und auch wenn er ausruhte von den Strapazen und nichtgerade bei guten Freunden einkehrte, hatte er nicht viel Erfreu-liche? zu erfahren. Gasthäuser uud Herbergen waren höchst dürftig.Ich erinnere mich aus der Reisebeschreibung eines braven Land-pastors, der in Halle ein Paar Tage blieb und aus dem Schimpfenüber schlechte Verpflegung nicht herauskommt: wie er es besondersunangenehm empfindet, daß die Zimmer seines Gasthofs unmittel-bar auf den Richtplatz hinausgehen, auf dem in Entfernung vonwenigen Schritten die Letztgehänkten noch im Winde baumeln.Sodaß mau es vielfach vorzog, nachts zu reiseu; wohl mehr alsheute, schon wegen der längeren Reisedauer.

Wir fuhren allein im dunklenPostwagen die ganze Nacht."

Aber freilich: man erlebte auch mehr auf einer solchen Reise.Sie war selber ein Erlebnis. Man nahm langsam die Eindrückeauf; bewegte, was man beobachtete, in seinem Innern, und stattim Depeschenstil auf Ansichtspostkarten berichtete man an die Liebendaheim in ausführlichen Briefen; statt Dreispalten-Feuilletons imTag", flüchtig im V-Zuge hingeworfen, legte man nach einigenMonaten der Sammlung seilte Erfahrungen in einem stattlichenBande nieder. Heute schreibt einer ein Buch höchstens über eineReise durch Sibirien oder Asrika. Ans der damaligen Zeit haben