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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
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Zweites Kapitel.

Die äutzere Struktur des Wirtschafts-

leoens.

I. Der Reichtumsgrad.

Man möge mir nun gestatten, nachdem wir uns einige An-schauung vou der Eigenart deutscher Kultur vor hundert Jahrenverschafft haben, daß ich den Stoff unter Gesichtspunkte ordne,von denen aus man das Ganze besser zn überblicken vermag: essind natürlich die Gesichtspunkte einer spezifisch nationnlökonomischenBetrachtungsweise.

Da ist denn nun der erste Gedanke, den der Natioualökvnvmsicher haben wird, wenn er die Schilderung irgend eiues wirtschaft-lichen Zustandes vernimmt: ist die Gemeinschaft, die Nation, umdie es sich handelt, reich oder arm? Das müssen wir denn auchzuerst fragen, wenn wir uns die ökonomische Situation Deutsch-lands am Anfaug des neunzehnten Jahrhunderts klar machenwollen. War es ein reiches oder ein armes Land, reich oder armversteht sich an materiellen Gütern, die wir uns, wollen wir dieFrage sachgemäß beurteilen, nicht in der Form des Geldes, sondernin ihrer natürlichen Gestalt, also als Nahrungsmittel, Kleidungs-stücke, Wohnungseinrichtungen, Schmuckgegenstäude u. s. w. vor-stellen müsseu.

Da wird man mir nun mit Recht entgegenhalten, daß dieFrage falsch gestellt sei; denn Reichtum und Armut seien ja relativeBegriffe, man könne also niemals aussagen: diese Nation ist reichoder sie ist arm. Das ist gewiß ein richtiger Einwand. Aber wasich gegen ihn geltend machen kann, ist dieses: daß wir unwillkürlich