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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
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Viertes Kapitel.

Die treibenden Kräfte.

I. Alte und neue Triebkräfte des Wirtschaftslebens.

So min hoffe ich, hat der verständige Leser eine annähernddeutliche Vorstellung von der wirtschaftlichen Kultur Deutschelands vor hundert Jahren. Und wer auch nur einige Kenntnisvon den gegenwärtigen Zuständen besitzt, ja auf Gruud der An-schauungen, die jeder, der offenen Auges durch die Lande geht, sichbilden kann, muß jetzt schon die Einsicht gewonnen habein daß sichsehr viel im letzten Jahrhundert bei uns geändert hat. Aus einemmit kleinen Ansiedelungen spärlich durchsetzten Lande ist ein Landreich an großen, Prächtigen Städten geworden; wo ehedem der Pflugging, steigen mächtige Fabrikgebäude mit qualmenden Schloten indie Höhe; auf demselben Gebiete, das vor hundert Jahren 25 Mil-lionen Menschen kümmerlich nährte, leben jetzt 56 Millionen inviel größerer Wohlhäbigkeit als ihre Vorfahren von Anno daznmakein immer dichter gespanntes Netz von Eisenbahnen und Telegraphen-drähten vermittelt einen rastlosen Verkehr; wo das Posthorn durchden blühenden Hag tönte, klappert die Dreschmaschine ihr monotonesLied und wo sich ein breiter blau durchwirkter Teppich kleinerAckerparzellen vor dem Auge ausbreitete, dehnt sich die endlos ein-farbige Fläche der Nübenfelder. Ich meine: so viel weiß ein Kind-Und ich darf also schon jetzt voraussetzen, daß jedermann dieMächtigkeit des Wandels vor Augeu steht/ den unser Wirtschafts-leben im letzten Jahrhundert erfahren hat, nachdem er mit mir dieKreise der deutschen Volkswirtschaft im Ansang des Jahrhundertedurchschritten hat.