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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
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Die treibenden Krnfte,

Was hat diesen Szenenwechsel herbeigeführt? das ist die Frage,die ich heute aufwerfen will; welches sind die Faktoren, aus dereuWirksamkeit die wirtschaftliche Revolution (denn um eine solchehandelt es sich im eminenten Sinne), die Deutschland währenddes neunzehnten Jahrhunderts erlebt hat, sich ableiten läßt? Esist die bedeutsame Frage nach den treibenden Kräften der Volks-wirtschaft, die ich damit stelle und die ich hier wiederum nur soweitbeantworten kann, als es für dos Verständnis des wirtschaftlichenKulturverlaufs in der von uns betrachteten Zeitspanne unerläß-lich ist.

Ich weiß nicht, ob Sie, mein lieber Leser, einige Kenntnissevon der allgemeinen Geschichte der Zeit besitzen, die das Mittel-alter mit den: neunzehnten Jahrhundert verbindet. Wenn ja, dannwird Ihnen nicht unbekaunt sein, daß es die Zeit war, in der dasmoderne Fürstentum sich gegen die lokalen uud territorialen Ge-walten zur Herrschaft durchkämpfte, in der also die modernenStaaten entstanden. In Deutschland zwar in einem eo. minmtureAusmaße (von Preußen etwa abgesehen); immerhin doch aberauch in Deutschland . Und Sie werden dann auch wissen, daßdieses moderne Fürstentum, um sich durchzusetzen, einen ungeheurenApparat der kunstvollsten, bis ins kleinste das Leben regelndenVerwaltuugsmaßnahmen geschaffen hat; daß es, wie man zn sagenpflegt, die Zeit der staatlichen Vielregierer ei war, die zwischendem Mittelalter und unserem Jahrhundert lag. Diese Vielregierereierstreckte sich nun uicht zum wenigsten auf die Vorgäuge des wirt-schaftlichen Lebens. Als eine Erbschaft der städtischen Wirtschafts-politik übernahm das moderne Fürstentum die Auffassung: esdürfe im Lande kein paar Stiefeln angefertigt werden, ohne daßdie hohe Negierung davon geziemend in Kenntnis gesetzt sei undihren Segen dazu gegeben habe. Und aus dieser Auffassungerwuchs mit Notwendigkeit das Bestreben, nach besten Kräftenfördernd uud helfend in die Vorgänge des Wirtschaftslebens ein-zugreifen. Mit offenem Blick für die Anforderungen der Zeit (diesich naturgemäß in der Vorstellungswelt des Fürsten und seinerBeamtenwelt mit den eigenen Interessen deckten), haben die Negie-rungen des sogenannten Polizeistaats denn auch in der Tat die-