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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
109
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Die natürlichen Vorbedingungen für die gewerbliche Produktion: 109

Auge; man hat das Wort geprägt: Deutschland muß entwederMenschen oder Waren ausführen. Das ist zu eng gefaßt! EinLand kann zunächst auch aus fremden Ländern Erzengnisse beziehenohne Waren dorthin zu senden: indem es sich diese Länder aufirgend eine Weise, heute wesentlich mittels Kreditgewährung, tribut-pflichtig macht. Ein Land kann aber auch seinen Mangel annatürlicher Fruchtbarkeit zum Teil wenigstens dadurch ersehen, daßes, wo dieses angängig ist, seinen Bedarf an Gütern deckt, ohnean die Freigebigkeit der Natur, soweit sie sich in der Hervor-bringung von Pflanzen äußert, zu appellieren. Wie das durcheine entsprechende Entwicklung der Technik möglich ist, werde ichspäter noch genauer auseinandersetzen. Ich verdeutliche hier einst-weilen, was ich meine, an einigen Beispielen: wenn ich statt Pferde-bahnen elektrische Bahnen einrichte, so spare ich Pferde, kann alsodas Land, das ihre Aufzucht uud ihre Erhaltung ermöglichte,anders (zur Hervorbringung von Nahrungsmitteln) verwenden;das gleiche gilt, wenn ich eiserne Schiffe statt hölzerne baue, wennich zur Herstellung von Farben Teer statt Pflanzen verwende usw.

Es fragt sich nun: ist Deutschland seiner natürlichen Be-schaffenheit nach günstig oder ungünstig bedingt, um eine Entwick-lung in der angedeuteten Richtung sagen wir also der Verlegungdes Schwergewichts seiner produktiven Tätigkeit auf das gewerb-liche Gebiet zu vollziehen? Die Antwort muß lauten: günstig.Die Natur, die es so stiefmütterlich mit Boden- nnd Klimagabenbedacht hat, hat ihm dafür in der Tat eine Reihe von Vorzügenanderer Art verliehen, die für die Gegenwart und die nächsteZukunft ihm reichen Ersatz für die Dürftigkeit seiner Landschaftzu bieten vermögen. Solange nämlich als die gewerbliche Technik(wie es heute der Fall ist) auf der Verwendung von Kohle undEisen ihre spezifische Leistnngsfähigkeit basiert, d. h. also in einerPeriode, in der der Dampf die beliebteste motorische Kraft unddas Eisen das praktikabelste Baumaterial ist. In diese seit einemhalben Jahrhundert laufende Zeitepoche muß Deutschlands wirt-schaftliche Hochblüte fallen, die ihr Ende erreichen würde, wennetwa die Elektrizität sich ähnlich wie jetzt der Dampf eine herr-schende Stellung erränge und damit diejenigen Länder in den