Bedeutung rascher Bevülkerungszunahme f. d. kapitalistische Entwicklung. 119
darum nicht, weil, wie mir scheint, die anreizende Wirkung derBevölkerungsüberschüsse, die einem Lande durch Auswanderungverloren gehen, noch viel großer gewesen sein würde, wenn sie inder Heimat verblieben wären und hier ihren Erwerb gesucht hätten.
Nein, was die rasche Bevvlkerungszunahme zu eiuem somächtigen Beförderungsmittel des Kapitalismus werden läßt, ist viel-mehr folgendes: Sie bewirkt zunächst, daß in den wohlhabendenSchichten der Bevölkerung die Neiguug zum Erwerb und die wirt-schaftliche Spannkraft rege erhalten werden, und uicht ein fattesRentnertum an die Stelle eines tatkräftigen Unternehmerstandes tritt.Sie liefert also einen unausgesetzten Nachwuchs an gewinnstreben-den, wagenden Persönlichkeiten, Schöpsern, mit andern Worten, kapi-talistischer Organisation. Denn es ist klar, daß die Söhne einesreichen Mannes ganz anders dem Erwerbsleben gegenüberstehen,wenn sie viele als wenn sie wenige sind. Bei gleichem Vermögenentfällt anf den einzelnen im ersteren Falle eine kleinere Portion,und die Nötigung für ihn, selbst wieder durch wirtschaftliche Tätig-keit sich auf dem sozialen Niveau seiner Eltern zu erhalten, wirdgrößer, als wenn dies Erbe nur auf einen oder zwei sich verteilt. Eswird durch den stärkeren Nachwuchs auch schon eine ganz andereStimmung selbst bei wohlhabenden Eltern ihren Kindern gegenübererzeugt. Sie werden es vielmehr darauf abseheu, ihre Kinder„etwas tüchtiges lernen zu lassen", als sie in den untätigen Besitzeiner großen Rente zu setzeu. Es scheint mir nicht unberechtigt,wenn man zwischen Frankreich und Deutschland diesen Unterschiedgemacht hat: das höchste Streben der französischen Eltern sei, ihrenKindern eine sorgenfreie Existenz zu schaffen, der deutschen , sie fürden Kampf ums Dasein möglichst gut auszurüsten. Daher jenefür ihre Kinder soviel als möglich sparen, diese ihnen eine guteAusbildung zuteil werden lassen. Das soziale Ideal aller südlichenNationen — spielt hier der Klimaunterschied wieder hinein? —ist ein behagliches Rentnertnm, nötigensalls auch in ganz bescheidenenGrenzen; -das der Nordländer vielmehr, die eigene Stellung unddie der Kinder durch rastlosen Erwerb zu verbessern. Der Süd-länder will etwas sein oder bleiben; der Nordländer etwas werden.Und daß dieser Unterschied zum großen Teil sich aus dem