Druckschrift 
Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
138
Einzelbild herunterladen
 

138

Das Volk,

seitig zu machen. Das rächt sich jetzt. Während uns pracht-volle Resultate jetzt jene Energie zeitigt, die wir notgedrungenim Konkurrenzkämpfe mit den politisch mächtigeren Nationenerzeugen mußten, ehe wir ein kraftvoll im Ausland vertretenesReich wareu. Daß uns heute des Reiches Macht und AnsehenAorteile gewähren, die uns jene in der Zeit der politischen Zer-splitterung angesammelten wirtschaftlichen Kräfte mit noch größeremErfolge ausnutzen lassen, steht mit jener Tatsache in keinerleiWiderspruch.

Und noch ein Letztes, was mir hierher zu gehören scheint.

Die Eigenart unseres Volkstums ist nicht zum wenigsten be-stimmt durch die innerpolitische Nückständigkeit, in der sichdie deutsche Nation noch heute befindet. Wir sind noch heute einhalb absolut regiertes Land. ES gibt bei uns zumal für diebürgerlichen Kreise noch immer nicht das, was konstitutionelle Länderhaben: eine Politische Laufbahn. Dadurch ist, soviel ich sehe, aber-mals ein für das Wirtschaftsleben günstiger Effekt erzielt worden.Es findet nämlich bei uns nicht wie in andern Ländern eine starkeAblenkung leistungsfähiger Elemente durch die Politik statt. Wederwerden die reichen Leute bürgerlicher Herkunft in irgendwie be-trächtlichem Maße dem Wirtschaftsleben entfremdet dadurch, daßsie sich der Politik widmen, noch, was besonders wichtig ist, dietalentvollen Persönlichkeiten. Letztere bleiben also frei, ihre Fähig-keiten als Direktoren, Ingenieure, Chemiker usw. in den Dienstdes Wirtschaftslebens zu stellen. Ich glaube bestimmt, so wenigsich so etwas ziffermäßig nachweisen läßt, daß beispielsweise inFrankreich und Italien eine andere Verteilung der geistigen Elitezwischen Wirtschaft und Politik stattfindet als bei uns. Dortwird sicher ein großer Teil der Intelligenzen durch die politischeKarriere absorbiert, der in Deutschland der Industrie und demHandel nutzbar gemacht wird. Mag nun auch dieser Umstand fürden ökonomischen Gesamterfolg nicht allzuschwer ins Gewicht falleinerwähnen mußte ich ihn der Vollständigkeit halber doch.

Damit aber sei es genug der Feststellung solcher Zusammen-hänge zwischen volklicher Eigenart und wirtschaftlicher Entwick-lung, denen immer ein Zug der Willkür anhaftet. Denn natur-