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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
336
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Das Gewerbe.

ihnen am Sonnabend oder an einem andern bekannten Wochentagevon Magazin zu Magazin, seine Ware feilbietend. Absetzen mußer, sonst hat er kein Geld zu leben und weiterzuarbeiten. Er stelltdeshalb von Ansang an die niedrigsten Preise und unterbietet sichselbst von Stunde zu Stunde, je mehr sich der Abend nähert,schließlich verkauft er zu Spottpreisen, die vielleicht nicht einmalseine Auslagen decken.

Und so etwas füllt die Spalten der Gewerbestatistik als selb-ständiger Gewerbetreibender, und wenn ihrer Tausend bei einandersind, gewinnt es den Anschein, als sei hier noch das alte Tischler-handwerk in ungebrochener Krast und AuSdehnuug erhaltengeblieben!

Aber der Kapitalist kann schon völlig zum Unternehmer ge-worden sein, das heißt, er kann die Leitung der Produktion unddes Absatzes bereits ganz in seine Hand genommen haben, kanndem technischen Arbeiter, der nun ganz nach seinen Absichten,nach seinen Angaben produziert, alles vorschießen, was dieser zumLebeu wie zur Arbeit braucht: und doch kann dieser abhängigeArbeiter immer noch den Anschein eines selbständigen Gewerbe-treibenden bewahren, kann als Vertreter eines altehrwürdigen Hand-werks von der Statistik verzeichnet worden sein, weil er in der Tatnoch einem selbständigen Handwerksbetriebe vorsteht. Es ist dieSder Fall, wenn der Kapitalismus iu der Form des Verlagesoder der Hausindustrie eiu Gebiet gewerblicher Produktionerobert. Hauptbeispiel: die Bekleidungsindustrien, namentlich dieSchneiderei. In diesen Gewerben werden die einzelnen Arbeiterin ihrer Wohnung oder Werkstatt von: Unternehmer belassen,erhalten aber von einer Zentrale aus bestimmte Auftrüge, meistanch werden ihnen die schon vorgearbeiteten Rohstoffe denSchneidern und Schneiderinnen also die zugeschnittenen Kleider-oder Wäschestücke geliefert. Sie sind also Lohnarbeiter imDienste eines kapitalistischen Unternehmers, nicht anders wie jederFabrikarbeiter. Äußerlich aber bewahren sie sich oft ein handwerks-mäßiges Ansehen. Ihre Existenz hat schon zu vielen Mißverständ-nissen Anlaß gegeben, namentlich dort, wo sich auch eine bedeu-tende Handfertigkeit bei solcherart Hausindustriellen erhalten hat.