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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
381
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Ansätze zur Umbildung der inneren Struktur der Landwirtschaft. Zgl

Gestaltung aller Lebensbedingungen sei an der deutschen Landwirt-schaft vorübergegangen, ohne seine Spuren zu hinterlassen. Auchdie Landwirtschaft hat in diesem unerhörten Jahrhundert mehrVeränderungen erfahren, als in einein Jahrtausend vorher. Esgilt nur, sie da zu suchen, wo sie sich wirklich und nicht nur inder Vorstellung des Dogmatikers vollzogen haben. Da ist dennnun zunächst des Wandels zu gedenken, den die innere Strukturder landwirtschaftlichen Organisation erfahren hat. Ich denke dabeiin erster Linie an den neueu Geist, der iu die Wirtschaftsleitereingezogen ist und sie ihre Ausgabe in veränderter Gestalt erfassenheißt. Und unter deu Landwirten wiederum vor allein an diegrößeren, die Gutsbesitzer.

Es wird nicht zuviel behauptet sein, wenn man sagt, daß vorhundert Jahren die große Mehrzahl der Rittergutsbesitzer ihrenangestammten Besitz betrachteten als den naturgemäßen Standortihrer Existenz, als die Grundlage ihrer Macht im Staate, als dieQuelle, aus der ihnen und den Ihrigen der standesgemäße Unter-halt, den Hintersassen die Mittel zur üblichen Lebensfristung flössen.Man wirtschaftete in der Väter Weise, in erster Linie um Ge-brauchsgüter für sich und seine Leute zu gewinnen, danach erstum den Überschuß (soviel sich ergab) auf dem Markte zu ver-silbern. Das wurde unter dem Einflüsse der zunehmenden Kapital-wirtschaft anders. Die Ansprüche wuchsen, das Wirtschaften wurdeschwieriger, man mußte rechnen lernen- und mit der Zeit drangaus den Kontors der Städte langsam aber stetig auch eine neueGrundauffassung vom Wesen der Wirtschaft in die Reihender Gutsbesitzer ein: sie hörten auf, Grund und Boden nur uochals Standort und Nahrungsanelle zu betrachten, lernten vielmehrin ihm, wie Rodbertus es genannt hat, eineRentenquelle" zu er-blicken.Was bringt ein Gut an Reinertrag?" wurde die Frage,die eine neue Epoche auch in der Landwirtschaft einleitete unddiese in die Bahnen wies, in denen Bankuuternehmuugen undHosenknopffabriken von jeher gewandelt waren. Man fing an zurechnen; man zog Bilanzen; die Buchführung wurde eine kauf-männisch geordnete; mit einem Worte: kapitalistischer Geist zog indie Schlösser oder unter die geflickten Strohdächer ein, wo der