387
kapitalistische Geist aus ihnen in die Landwirtschaft hinüber. DaSist die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Spiritnsbreunereienund namentlich der Zuckerindustrie, die sich in den Gebieten frucht-baren schweren Bodens angesiedelt hat, daß sie die von ihnendurchsetzten Landwirtschaftsbetriebe kapitalistisch ansteckt.
Aber es ist nun offensichtlich, daß sich diese Bedingungennur schrittweise erfülleu, und daß ihre Erfüllung ans bestimmteGebiete beschränkt bleibt. Betrug doch die mit Rüben angebauteFläche im Deutschen Reich, trotz des unerhörten Aufschwungs, dendie Zuckerindustrie in den letzten Jahren genommen hat, im Be-triebsjahr 1900—1901 erst 447 606 ba von etwa 50 Millionen Iialandwirtschaftlich genutzter Fläche überhaupt, also noch nicht 1"/g.
Sodaß sich genug sachliche Gründe ergeben, die die verhältnis-mäßig (nämlich zu dem Fortschritt des Kapitalismus auf alleuübrigen Gebieten des Wirtschaftslebens) geringe Entwickelung derkapitalistischen Organisation in der Landwirtschaft erklärlich machen.
Das alles gilt von der Gutswirtschaft. Welches Verhältnishat nun aber der Kapitalismus zu den bäuerlichen Wirt-schaften gewonnen? Hat er überhaupt Einfluß auf ihre Ent-wickelung ausgeübt und welchen?
Gewiß hat auch die bäuerliche Wirtschaft iu ihrer Stellungnach außen nicht minder als in ihrer ökonomischen Strukturwesentliche Veränderungen im neunzehnten Jahrhundert durch-gemacht. Die wichtigste davon kennen wir bereits: es war dieLösung zahlreicher Bauernwirtschaften des Osteus aus dem guts-herrlichen Verbände uud der meisten Bauernwirtschaften aus demalten Dorfverbande. Die Wirtschaft des Bauern wurde „frei",d. h. auf sich selbst gestellt, niemandem mehr verpflichtet, aber auchvon niemandem mehr gestützt uud gefördert. Die alten Gemein-schaften verschwanden und mit ihnen wohl auch zum größtenTeile der alte Gemeinschaftsgeist. Wenn wir auch heute nochgelegentlich von Spuren eines urwüchsigen Gemeinbewußtseius derDorfgeuossen Kunde erhalten, so gilt doch wohl als Regel für dieGegenwart, daß der „individualistische" Geist auch in die Dörfereingezogen ist. Ja, wir dürfen aus manchen Anzeichen schließen,
daß hinter ihm her sein Bastardbruder — der moderne „Ge-
25*