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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Wirlschast und Kultur,

Und wenn es sich auch nicht immer um Verlust des Ver-mögens handelt, so doch um starke Einbußen in den Zeiten wirt-schaftlichen Niedergangs. Ich wies an anderer Stelle schon daraufhin, daß die Verluste in diesen Perioden in wachsendem Umfangedurch die Ersparnisse der Außenseiter gedeckt werden, denen manin den Zeiten höchsten Aufschwunges, wenn das Erwerbsfieber alleSchichten der Bevölkerung wieder einmal ergriffen hat, die über-werteten Papiere aufhalst. Ich zweifele nicht, daß in solchenZeiten des Paroxysmus, wenn die Kurse auf 200 und darübersteigen, am meisten Industrie- und ähnliche Aktien von demgroßen Publikum" erworben werden, das dann die Wertminderungauf 100 aus seiner Tasche begleicht. Gelegentlich sind ja solcheSchröpfungen der großen Masse auch in früheren Jahrhundertenvorgekommen: zu einer ständigen Einrichtung sind sie erst wiederin unserer Zeit geworden. Und erst unserer Zeit war es vor-behalten, auch die kleinsten Vermögen der Witwen und Waisenden Weltmarktslaunen zu unterwerfen.

Mit dem Erfolge des Wirtschaftens, mit dem Vermögensbesitzist nnn aber auch die Arbeit der Unsicherheit anheim-gefallen. Es ist ja eine jedermann vertraute Tatsache, daß dieZeiten der Depressionen vor allem auf dem Arbeiter lasten, derseine Arbeitsstelle ganz verliert oder am Einkommen stark gekürztwird. Und wann ist er sicher, auch in den besten Zeiten, daß amnächsten Tage nicht die Schrecken derKrisis" über sein Erwerbs-gebiet hereinbrechen?

Aber auch in normalen Zeiten weiß der Arbeiter nicht, ober morgen noch für sich und die Seinen den Unterhalt gewinnenwird. Sein Geschäft kann dem Pleitegeier unverhofft zur Beutefallein die Arbeiter werden entlassen. Eine technische Verbesse-rung kann ganze Arbeiterkategorien überflüssig machen: sie wer-den entlassen. Die Saisonarbeit ist vollendet, beispielsweise inder Konfektionsindustrie: die Arbeitsanfträge hören auf. Vorhundert Jahren war die Tätigkeit selbst eine viel stetigere, undder Arbeiter hatte meist auch einen Rückhalt in einer kleinen Land-wirtschaft.

Uud welche Sicherheit haben heute noch die alten Hand-