Druckschrift 
Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
467
Einzelbild herunterladen
 

Und auch die Arbeit fällt der Unsicherheit anheim.

U!7

werksmäßigen Existenzen, deren Enteignung durch die kapita-listische Unternehmung in jeder Stunde bevorstehen kann?

Endlich aber hat der Wechsel, hat die Gefahr des Umschlags,des wirtschaftlichen Niedergangs auch die meisten liberalenBerufe ergriffen: welcher Notar oder Medizindoktor hatte vorhundert Jahren sich viel Sorge um seine Existenz zu machen?Er trat zur Zeit, ohne allzuviel Mitbewerber, in die Stelle seinesVorgängers ein und blieb hier unbehelligt sein Lebenlang. Währendheute jeder jeden Augenblick seine Position zu verteidigen hat,damit nicht der teure Kollege ihm in der Jagd nach der Kund-schaft zuvorkomme. Die Masse derBildung", die unsere Zeitvor andern auszeichnet, hat hier das Wechselhafte, das Unsicheregeradezu aus sich heraus erzeugt.

Wie in der wirtschaftlichen Organisation selbst die Entstehunggenossenschaftlicher und gemeinwirtschaftlicher Wirtschaftsformen eineGegentendenz gegen die kapitalistische Entwickelung dar-stellt, so ist es auch die hierdurch, sowie durch die Ausdehnungder öffentlichen Tätigkeit überhaupt hervorgerufeue Vermehrungder Beamtenschaft, die wiederum eine Anzahl von Existenzen denFährnissen der Marktlage entzieht, indem fie ihnen einen von derKonjunktur unabhängigen Unterhalt verschafft. Aber man wirdgetrost sagen dürfen, daß es sich dabei erst um Ansätze zu einerNeuordnung der Dinge handelt, und daß die Vermehrung derBeamtenschaft, wie sie zweifellos während des neunzehnten Jahr-hunderts erfolgt ist, noch nichts wesentliches an der allgemeinenTendenz zur Existenzunsicherheit zu ändern vermocht hat. Diesebleibt vielmehr mit ihrer ganzen Wucht ein entscheidendes Merk-mal der gesellschaftlichen Wandlungen im verMssenen Jahrhundert.

Die dritte Stelle, wo die Ruhe dem Wechsel, die Beharrungder Bewegung gewichen ist, ist die Beziehung der Menschen- undGüterwelt zu ihrem Standorte. Ich meine: der Ortswechsel alsMassenerscheinung gehört ebenfalls der Zeitepoche, die wir über-blicken, als Kennzeichen an. Die Darstellung des dritten Bucheshat den Leser über diesen Punkt, wie ich denke, schon hinreichendaufgeklärt. Wir werden zusammenfassend sagen dürfen: daß noch

niemals in irgend einer früheren Geschichtsperiode auch nur an-

30 *