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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Wirtschaft und Kultur.

nähernd soviel Güter und Menschen auf einer gegebenen Flächeherumgekarrt sind, noch niemals soviel Nachrichten von Ort zuOrt getragen sind wie in unserer Zeit.

Wir kennen die Gütermassen, die heute auf den Eisenbahnen,auf Flüssen und auf der See hin- und herbewegt werden, meistweil sie Gegenstand des Austausches gewvrden sind. Wir wissenauch, daß die Masse gleicher Güter, die ihren Standort wechseln,vielerorts schon groß genug geworden ist, um den Typus desvertretbare» Massengutes, dieses echtesten Wahrzeichens modernenGüterverkehrs, zur Entfaltung zu bringen.

Auch was an Nachrichtenvermittelung durch die Ein-richtungen der Post heutzutage geleistet wird, haben wir in Er-fahrung gebracht. Ging ehedem die Nachricht von Mund zu Mundedurch die lebendige Erzählung, die persönliche Mitteilung,- so dientjetzt ein riesenhafter Mechanismus toter Körper dazu, Nachrichten-massen in kurzer Zeit in weite Entfernungen zu schleudern. Welcheine Fülle vou Mitteilungen wird durch das Telephon vermittelt,welche Flut von Nachrichten überschwemmt täglich das Land inGestalt der Ansichtspostkarten! Vielleicht entwickelt sich hier auchnoch der Typ der fungibeln Nachricht? Einen Schritt auf diesemWege macht eine Einrichtung, die abermals ein charakteristischesMerkmal unserer Zeit bildet: die Zeitung. Nirgends vielleicht sodeutlich wie in der modernen Zeituug, tritt die eigentümlichePaarung von Masse und Wechsel zu Tage. Höchstes Prinzipjeder Zeituug ist es: den Leser durch die Meuge von Nachrichten,die sie enthält, und durch die Häufigkeit ihres Erscheinens fürsich zu gewinnen. So ergießt sich deun dreimal und öfters amTage eiue Sturzflut von Nachrichten über uns, die uns denAtem benimmt. Die große Rotationspresse, die in rasender Eileeine endlose Rolle Papier fortwährend mit Druckerschwärze be-tupft uud in einzelne Stückchen zerschnitten in die Welt hinaus-schlendert, ist wiedernm recht ein Symbol unserer fortgeschrittenen Zeit.

Endlich hat uns die voraufgehende Darstellung auch schoneinige Kenntnis von den Menschenmengen verschafft, die heut-zutage immerfort herumfahren. Bei ihnen wollen wir jetzt nocheinen Augenblick verweilen.