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in dem Siege erblicken — nicht, den die Masse über das Indi-viduum, sondern — den über Masse und Individuum gleicher-maßen, also über den lebendigen Menschen der tote Stoff davon-getragen hat, mit dem das verflossene Jahrhundert wie wir sahendie Kulturländer in so reichem Maße überschüttet hat. Was wirselbst erst mit so viel Aufwand von Geist und Kraft aus unsheraus geschaffen haben, zwingt uns bedingungslos, wie es scheint,unter seine Herrschaft. Also daß wir mit einer kleinen Varianteauf unsere Zeit den Spruch anwenden können: Am Ende hängenwir doch ab von Sachen, die wir selber machten.
Wir sind „reich" geworden, haben wir gesehen: so reich anGütern dieser Welt, wie noch keine Zeit vor uns gewesen ist.AVer gerade dieser Reichtum ist es, der uns zum Sklaven uusererBedürfnisse gemacht hat. Wuchsen die Fähigkeiten, unsern Bedarfan Sachgütern zu befriedigen, so ist dieser Bedarf selber immerum eine Nasenlänge den Mitteln zu seiner Befriedigung voraus-geeilt. Das Viel hat den Wunsch nach mehr geweckt. Und einungestilltes Sehnen uach äußeren Gütern zog in die Menschen-Herzen ein uud füllt sie immer mehr ganz und gar aus. Einehohe und bald eine übertriebene Wertung des Materiellen hatplatz gegriffen und in Hoch und Niedrig das Streben nach Besitz,das Jagen nach dem Genusse erzeugt. Denn es scheint ein psy-chologisches Gesetz zu sein, daß durch die Vermehrung der Sinnen-reize, die uns die Nutzung der Sachgüter gewährt, eine Ode inunserm Innern entsteht, die wir zunächst (bis die große Umkehrkommt, die in die Wüste führt!) durch Häufung jener Reize aus-zufüllen trachten. So erzeugt der Reichtum aus sich heraus jeneGrundstimmung, die wir als materialistische zu bezeichnen unsgewöhnt haben. In der Fülle der Genußgüter, die um uns empor-wachsen, finden die idealen Regungen des Herzens ihr natür-liches Grab.
Mehr. Die Eigenart unserer Technik, die Eigenart unseresgesellschaftlichen Beieinanderivvhnens in großen Steinschluchten undauf Hügeln von Stein, Glas und Eisen haben es mit sich gebracht,daß zwischen uns und der lebendigen Natur, da Gott den Menschenschuf hinein, sich ein Berg von toten Stofsmassen ausgetürmt hat,