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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Ein künstliches Geschlecht wächst in den Städten heran.

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der unserem Geistesleben recht eigentlich sein charakteristischespräge verleiht. Es ist damit eine neue Kulturbasis geschaffen:das Steinpflaster; es ist daraus eine neue Kultur entstanden: dieAsphaltkultur. Sie geht schon hinaus vor die Tore der Stadt.Sie breitet sich über die Felder aus, aus denen die intensivemoderne Landwirtschaft betrieben wird am Ende mit Feld-bahnen und einem Netz elektrischer Drähte über der grünendenZaat. Sie dringt in die Wälder ein, in denen die rationelleForstkultur die letzten Reste von Urwüchsigkeit verdrängt, bisschließlich die Masse, die Masse wiederum so anwächst, daß ganzegroße Waldgebiete mit Wegen und Ruheplätzchen, mit Warnungs-tafeln und Wegweisern, mit Kneipen und Bedürfnisanstaltenbedacht, mit einem Worte: in einenVolkspark" umgewandeltwerden. Sie nistet sich mit jeder Fabrik, mit jeder Eisenbahn,mit jeder Telegraphenstange auch auf dem flachen Lande weiterein. Aber einstweilen ist doch ihr Herrschaftsgebiet die Stadt,die große Stadt, die viele Menschen ihr ganzes Leben lang nichtmehr aus sich entläßt, die fast alle aber, die in ihr wohnen, inden Bann ihrer verführerischen Reize zieht. So wächst ein Ge-schlecht von Menschen heran, das sein Leben ohne rechte Fühlungmit der lebendigen Natur verbringt; das die Sonne nicht mehrgrüßt, das nicht mehr in den Sternenhimmel hineinträumt, dasnicht mehr die Stimmen der Singvögel kennt und nicht die weißeWinternacht, wenn der Vollmond auf den Schneefeldern glitzert.Ein Geschlecht mit Taschenuhren, Regenschirmen, Gummischuhenund elektrischem Licht: ein künstliches Geschlecht. Ein Geschlecht,das in seiner Kindheit Frühling, Sommer, Herbst und Winter inder Schule im Anschauungsunterricht durchnimmt, ohne im späterenLeben von diesen Kenntnissen viel Gebrauch machen zu können.Tenn auch die vier Wochen lang, während deren sich die Masseneinmal im Jahre aus ihren Steinschluchten herausin die Sommer-frische" wälzen, treten sie mit der Natur kaum noch in eine inner-liche Beziehung: sie empfinden (wenn sie feinere Naturen sind) ihreReize, ihre eigene Schönheit mehr, viel mehr als die Landbewohnerselbst; denn der sogenannteNatursinn" ist ja recht eigentlich einErzeugnis der Städte; aber mit der Natur zu leben, haben sie

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