Der Anbruch einer sinnlich-künstlerischen Kulturepvche. 4gZ
sondern auch die bildenden Künste beherrscht hatte. Ehedem -in Deutschland sicher noch vor hundert Jahren, trotz Goethe! —waren nicht uur Musik und Dichtung, sondern selbst die bildendeKunst sinnig gewesen! jetzt werden auch Musik und Dichtung sinn-lich: es genügt an Richard Wagner und Richard Strausz zu denken,deren größte Wirkung in der sinnreizenden und sinnbetäiibendenKlangfülle ruht; an Dichter wie Hofmannsthal, Stefan George ,Richard Dehmel , die nur noch die unmittelbarste Sinneserregnngerstreben, um einzusehen, wie auch in Deutschland die künstlerischeKultur im Vordringen sich befindet.
Freilich: ob sie ein Bestandteil der Volksseele werden wird,wie in Frankreich oder Italien ? Das vermag niemand voraus-zusagen. Ja: die äußereu Anzeichen einer sinnlich-künstlerischenKulturepoche stellen sich immer zahlreicher bei uns ein: die An-schauung ersetzt immer mehr den Gedanken — auf allen Gebieten.Aber werden wir auch die Fähigkeit zur schönen Sinnlichkeit haben?Wie wenig die Natur unserer Rasse den Anforderungen künst-lerischer Lebensgestaltung gerecht wird, habe ich au anderer Stelledarzutun versucht. „Flüchtet aus der Sinne Schranken In dieFreiheit der Gedanken!" klingt uns immer noch sympathischerim Ohre. Aber es ist ein Zeicheu für die Ubermächtigkeitder wirtschaftlichen Kultur, daß sie selbst Rasseueigenschaftenzum Trotz ihre Folgerungen zu ziehen unternimmt. Und einesolche Kollsequenz städtischer Entwickeluug bei gleichzeitig zu-uehmender Wohlhäbigkeit der Bevölkerung scheint das Herein-brechen der geschilderten neuen Kulturepoche, der künstlerischen inder Tat zu sein.
Ein wesensanderes Schicksal hat u nsere i u te l l ekt u e l le Ä u l tu rgehabt. Auch auf sie sind die ungeheuren Stoffmassen, die dasverflossene Jahrhundert aufgetürmt hat, nicht ohne Einfluß geblieben.Aber während die lebendige Persönlichkeit in den Künsten vondem toten Stoffe, der sie zu erdrücken drohte, durch die schöne Ge-staltung gleichsam sich zu befreien unternahm — als ein solchesBefreinngswerk ist auch die Wiederbelebung des Kunstgewerbes inunserer Zeit anzusehen — hat in der Wissenschaft das Stoffliche
immer mehr das Persönliche sich unterjocht. Sind die Künste
31*