Druckschrift 
Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
485
Einzelbild herunterladen
 

Die Genesis des wurzellosen, abslralten Allcrmcltsmcnschcn. 485

zu sagen vermag, was es an Rassentüchtigkeit leistet. So garvielversprechend ist das Gemengsel, das die Vororte unserer großenStädte bevölkert, einstweilen noch nicht. Es hält auch nicht vonserne einen Vergleich aus mit der Bevölkerung in wohlhabend-bäuerlichen Gegenden. Und wer den krummbeinigen, bleichwaugigen,rasseloseu Nachwuchs aus den Sandhaufen der großstädtischenSpielplätze mustert, kauu leicht auf den Gedanken kommen, das;anch auf dem Gebiete der Nassenbilduug der Ersatz der Qualitätdurch die Quantität das eigentümliche Merkmal unserer Zeit sei.Aber ich wiederhole- wissenschaftlich begrüudete Aussagen über dieethnologischen Wirkuugen des Durcheiuanderheiratens in Deutschland lassen sich heute noch ebensowenig machen wie Feststellungen derWirkungen, welche die Stadt als solche auf die Qualität der Nasseauszuüben imstande ist. Muß man doch immer die soziale Lage: dieErnährungsweise, die Wvhnverhältnisse und Arbeitsbedinguugeualso ganz variable Umstäude als wesentlich bestimmenden Faktormir in Rechnung stellen.

Mit Sicherheit aber läßt sich eine andere, mehr psychologischeWirkung der örtlichen Neuschichtnng, sowie der Wauderhaftigteitunserer Bevölkerung nachweisen: das ist die Nivellierung derehemals vorhandenen kulturellen Eigenarten des ein-zelnen Land es teils, äußerer wie innerer. Die lokalen Trachten,die Volkslieder, die bestimmten Sitten und Gebräuche einzelner Gegen-den verschwinden immer mehr und machen den ans den Großstädteneingeführten Gewohnheiten Platz. Das großstädtische Konfektions-haus schreibt jetzt ebenso die Kleidermode auf dein Lande vor, wieder großstädtische Tingeltangel die Gassenhauer angibt, die in denTorfstraßcn gesungen werden. Eine weitgehende und allgemeineNeuformuug des Denkens und Empfindens über das ganze Reichhinweg hat Platz gegriffen. Daß in den Städten, die, wie wirwissen, einen immer größeren Teil der Bevölkerung in sich auf-nehmen, eine Art von Durchschnittsmensch erwächst, ist selbstver-ständlich; aber auch in den Kreisen des Landvolks wird dieserTypus immer häusiger. An 'die Stelle des wurzelhasten, kon-treten Ortsmenschen tritt mehr und mehr der wurzellose, abstrakteAllerweltsmensch.