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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Die innere Art des modernen Menschen.

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tiefung, und man wird nicht fehl gehen, wenn man behauptet, daßunser Geistesleben in dem Maße flacher geworden ist, wie esbreiter wurde. Der rasche Wechsel massenhafter Eindrücke nimmtdem einzelneu die Möglichkeit, die individuelle Eigenart in gleicherWeise, wie ehedem, znr Geltung zu briugeu, gegen die Außenweltdurchzusetzen. Wir haben keine Zeit mehr, gegen die auf unseinstürmenden Reize tief zu reagieren, den massenhaft auf unseindringenden Stoff ganz zn verarbeiten. Das ist Wohl die Er-klärung für die Tatsache, daß unsere Zeit ärmer geworden ist auOriginalen, an charakteristischen Persönlichkeiten.

Auch auf das Gebiet der kultnrschaffenden Tätigkeit greisendiese Einflüsse hinüber. Der Künstler, der Schriftsteller: sie er-halten so tausendfache Eindrücke von außen her, sind so von An-regungen heimgesucht, daß auch sie immer schwerer ihre persön-liche Eigenart znr Entfaltung zu bringen vermögen. Wenn esunserer reichen, glänzenden Zeit beispielsweise nicht gelingen will,einen eigenen Baustil zu entwickeln: hängt es nicht mit der Tat-sache zusammen, daß ein Stil gar nicht mehr die Zeit hat, sichanszuwachsen .. .?

Doch ich sehe, daß ich in meinen Betrachtungen schonüber die Grenzen hinausgegangen bin, die dieser Darstellung gestecktsind. Ich wollte ja nur ein Paar Hinweise geben.

Aber einer Frage möchte ich zum Schlüsse doch noch Aus-druck verleihen, der Frage, die sicher vielen Lesern aus der Zuugeschwebt: gibt es denn überhaupt eine gemeinsame Knlturbasis indem Deutschland des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts?Sind die äußeren Lebensbedingungen, sind geistige Kultur undSeelenveranlagung nicht so wesensverschiedene bei dem ostelbischenGutsbesitzer und dem großstädtischen Proletarier, bei dem armenInstensohn des östlichen Teutschlands und dem Bankier im Ber-liner Tiergartenviertel, daß mau gar nicht das Recht hat, voneiner und derselben Kultur zu reden? Die Frage ist gewiß nahe-liegend und ich halte die iu ihr gemachten Einwendungen zumteil für berechtigt. Aber trotz aller Verschiedenheiten läßt sichdoch gewiß nicht bestreiten, daß bestimmte Kennzeichen der Kulturfür alle, oder fast alle, oder doch wenigstens sehr weite Kreise der