Tendenz zur Vermehrung und Versclbstttndigung der Berufe. 49I
absoluten Ziffern seltener geworden. Und zwar erscheint nur dieAbnahme der Nebenberufsfülle, angesichts der Kürze des Zeit-raumes, außerordentlich groß: sie betrug nämlich über eiue halbeMillion (3 272111 gegen 3 799 596).
Zieht man nun aber die Vermehrung der Erwerbstätigen inRücksicht, so erscheint die Verminderung der Bedeutung neben-beruflicher Tätigkeit noch erheblicher. Es ergibt sich dann nämlich,daß 1882 noch etwa ein Fünftel (20.96 "/<,), 1895 dagegen nuruoch ein Siebentel (14.29 °/g) aller Erwerbstätigen (einschließlichder „berufslosen Selbständigen") einem Nebenerwerbe nachgingen.Von 100 Nebenberufssällen kommen (1895) auf die Landwirtschast32.06, auf die Gewerbe 45.58, auf Handel uud Verkehr 11.73,auf häusliche Dienste usw. 0.96, aus öffentliche Dienste usw. 3.52,auf die Berufslosen 6.15.
Diese Verselbständignng der Berufe bringt naturgemäß inmehr als einer Hinsicht schwerwiegende Folgen für das Los deseinzelnen Wirtschaftssubjcktes mit sich. Ökonomisch bedeutet sieeine Steigerung des Konjunkturrisikos, also der Unsicherheit: denn jeausschließlicher ein Berns ausgeübt wird, desto größer ist die Wahr-scheinlichkeit für den Selbständigen wie für den Abhängigen vonungünstiger Konjunktur heimgesucht zu werden. Physiologisch istdie Berufsspezialisierung ebenfalls von tiefeinschneidender Wirkung;insbesondere darf die Verringerung einer landwirtschaftlichen Neben-beschäftigung, namentlich für den Handarbeiter als eine erheblicheVerschiebung seiner körperlichen wie seelischen Daseinsbedingungenangesprochen werden.
Angesichts dieser Tatsachen konnte man nun zu der Auuahmegelangen: die Berufszugehörigkeit habe heute eine größere Bedeutungauch für die Stellung des einzelnen in der Gesellschaft als ehedem.Eine solche Annahme wäre jedoch durchaus irrig. Es trifft viel-mehr das Gegenteil zu: welchem Berufe jemand angehört, wirdimmer gleichgültiger; anders ausgedrückt: die Ausübung einesbestimmten Berufes verliert unausgesetzt an Gesellschaft-bildender Kraft, weil die Berufsgruppe immer mehr an Festig-keit einbüßt. Und das hat einen doppelten Grund: es wirdnämlich sowohl die äußere als auch namentlich die innere Be-