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Beruf und Besitz.
ziehung des einzelnen zu dem Berufe, den er ausübt, immerlockerer.
Wer aufmerksam meinen Ausführungen gefolgt ist, dem mußklar geworden sein, daß das neunzehnte Jahrhundert eine Epocheunerhört zahlreicher beruflicher Neubildungen gewesen ist. Dasgilt vor allem für die Sphäre der gewerblichen Produktion. Hiersind die alten Handwerke großenteils durch gänzlich anders gearteteIndustrien ersetzt; ehemals zusammengehörige Tätigkeiten sind zerlegt,wesensverschiedene Verrichtungen zu einem einheitlichen Produktions-prozesse zusammengefügt, zahlreiche Berufe (man denke nur an diechemische Industrie oder an die Surrogatindustrie!) überhaupt neugeschaffen worden. Aber es ist nicht nur eine Eigenart der kapi-talistischen Wirtschaft, daß sie berufliche Neubildungen hervorruft;nicht minder bezeichnend ist es für sie, daß sie die neugeschaffenenGewerbezweige einer unausgesetzten weiteren Umbildung nnterwirst.Die Berufsbildung kommt also niemals zur Ruhe. Warnm dasder Fall ist, wissen wir. Es ist in der Eigenart der kapitalistischen Interessen und der ihr dienstbar gemachten Technik und Betriebs-organisation gleichermaßen begründet.
Die alte handwerksmäßige Produktionsweise beruht auf derGruppierung einer bestimmten Anzahl von Arbeitsverrichtungenum die Persönlichkeit eines technischen Arbeiters. Diese Gruppie-rung war das Ergebnis eines langen, organischen Anpassungs-prozesses und mußte ihrer inneren Natur nach die Neigungznr Beständigkeit besitzen: die empirische Technik enthielt dafürdie Gewähr. Denn was diese an Änderungen brachte, floß dochimmer wieder nur aus den: Boru des persönlichen Könnenseines lebendigen Arbeiters. Heute werden die einzelnen Verrich-tungen nach sachlich-rationalistischen Gesichtspunkten, ohne jedeRücksicht auf eine organische Persönlichkeit zn einem einheitlichenArbeitsprozeß zusammengefaßt, der seine Gestalt mit jeder neuen(auf wissenschaftlichem Wege gewonnenen) Verbesserung des Ver-fahrens verändert.
Diese sachlich-rationalistische Gruppierung der einzelnen Tätig-keiten, die in ihrer Gesamtheit einen Beruf bilden, führt also ebensonotwendig zu einem steten Wechsel, wie die persönliche Gruppierung