Die Beziehungen der einzelnen BerusSangehörigcn zu ihren Berufen — 495
die Sterotypierung der Berufe im Gefvlge haben muß. Der ein-zelne Produzent hat demnach heutzutage aus rein äußerlichenGründen gar keine Zeit mehr, mit einer bestimmt umgreuztenBerufstätigkeit zu verwachsen. Die einzelnen Berufe laufen fort-während durcheinander.
Aber uoch bedeutsamer ist wohl die Tatsache, daß die Mög-lichkeit, mit seinem Denken und Fühlen ein festes Verhältnis zueinem bestimmten Bernfe zu gewiuueu, immer geringer gewordenist. Zweisellos wird das Bewußtsein der Berufszugehörigkeit umso stärker sein, je eigenartiger die ausgeübte Tätigkeit ist, dagegenmuß das Berufsgefühl auf ein Minimum herabsinken, wenn dieTätigkeit ihre qualitative Färbung so gut wie verloren hat. Be-rufsgefühl entfaltet sich zum Berufsstolz, der Berufsstolz erzeugteine bestimmte Berufsehre. Hat ein Beamter uoch eine spezifischeBerufsehre? Hat sie insbesondere der niedere Beamte? Alssolcher? Oder in dem Verwaltuugszweige, in dem er geradebeschäftigt ift? Aber diesen kann er beliebig vertauschen: er kannaus dem Staatsdienst in den Gemeiudedicnst treten — und um-gekehrt, und hier wiederum aus einem Bureau ins andere kommen.Hat der Händler ein spezifisches Berufsbewußtsein? Als solcher?Oder innerhalb seiner Branche? Aber er handelt heute mit Fellenund morgen mit Kohle. Auch wird die Beziehung des Kauf-manns zu seiner Ware, wie wir sahen, immer loser. Er bekommtsie oft gar nicht mehr zu Gesicht; das Handelsgeschäft ist nur nochquantitativ bestimmt. Hat ein Getreidehändler in Mannheim oderein Warenhausbesitzer noch einen ausgeprägten Berufsstvlz? Oderfühlen sie sich nicht vielmehr beide in erster Linie als kapitalistischeUnternehmer? Jedenfalls kann es nur immer der Schatten einesBerufsbewußtseins sein von dem, was etwa im Mittelalter einHandwerksmeister hatte, der sich mit seinen Berufsgenossen um dieEmbleme seines Gewerkes scharte wie der Soldat um die Fahne.Nnn sind aber, wie die Statistik lehrt, alle jene, sagen wir einmalqualitätslosen Berufsarteu im Bordringen begriffen, die Erwerbs-zweige also, die gar keine oder nur geringe berufsbildende Kraftbesitzen, werden immer zahlreicher. Aber auch in der Sphäresolcher Berufe, die ehemals ein ganz besonders starkes Zugehörig-