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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
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496
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Beruf und Besik,

keitsgefühl in denen, die sie ausübten, erzeugt haben, also namentlichauch in der Sphäre der gewerblichen Produktion (für die Land-wirtschaft hat sich, außer an den wenigen Stellen, wo sie reinkapitalistisch betrieben wird, wenig gegen früher geändert) sindVerufsbewußtsein, Berufsstolz, Berufsehre heute stark verringert.Und es wäre wunderbar, wenn es anders wäre.

Da ist zunächst wieder die neue Technik, die das Aufkommeneines Berufsgefühls in den meisten Fällen schlechterdings ausschließt.Die Tätigkeit erscheint ja gar nicht mehr als Ausfluß eiuerPersönlichkeit, sondern als Abwickelung eines Prozesses: sie ist ver-sachlicht. Was kann der einzelne aus ihr an persönlichem Eigen-artsbewußtsein ableiten? Ein Schneider, ein Schlosser, ein Bäcker,ein Gerber: sie alle haben einen wohlumschriebenen Kreis vonTätigkeiten, deren Ausübung ihnen einen Lebensinhalt gewährenund mit Stolz erfüllen kann. Wie aber soll ein Arbeiter in einerJnsektenpulverfabrik oder in einer Hühneraugenringefabrik oder ineiner Schwefelsäurefabrik ein innerliches Verhältnis zu seinerBerufstätigkeit gewinnen?

Weiter: die empirische Technik beruhte auf einem persönlichenKönnen und persönlichen Erlernen; die moderne Technik auf einemobjektiven Wisfen. Der Handwerker umgab seine Tätigkeit gernmit dem Nimbus des Geheimnisvollen, dessen innerstes Wesen nurihm und seinen Genossen offenbar ward. Man erinnere sich derfast mystischen Verschleierung, deren beispielsweise die alten Bau-gewerbe teilhaftig wurden. Der heutige Produktionsprozeß wirdparagraphenweise in den Lehrbüchern beschrieben und kann vonjedermann gegen Entrichtung der Kosten erlernt werden. An dieStelle des mit den Schanern der Mystik umkleideten Berufs-geheimnisses tritt das ordnungsmäßig erteilte v. Nr. so undso. Auch das Fabrikationsgeheimnis wird zum Geschäft.

Mit der neuen Technik ist, wie wir wissen, die neue Betriebs-organisation gekommen: der arbeitsteilig-kooperative und großen-teils der automatische Betrieb. Nun ist es aber ersichtlich, daßauch die neueren Betriebsformen der Entfaltung eines spezifischenBerufsgefühls hinderlich sind. Der einzelne Arbeiter hat nichtsmehr mit der Gesnmttätigkeit seines Produktionszweiges zu tun,