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Beruf und Besip,
II. Die Einkommensverteilung in alter und neuer Zeit.
Der zweite Gesichtspunkt, nnter dem man soziale Gruppenunterscheiden kann, ist der Besitz oder richtiger: das Einkommen.Leider sind die zuverlässigen Ziffern, die uns über Besitz- oderEinkommensverteilung in Deutschland zur Verfügung stehen, sogering und reichen vor allem so kurz zurück, daß die Betrachtung,die weit auseinanderliegende Zeiträume in Vergleich stellen will, viel-fach auf die Wertung symptomatischer Erscheinungen, auf allgemeineStimmungsbilder und Gesamteindrücke angewiesen ist. Dadurchempfängt sie aber begreiflicherweise leicht eine subjektive Färbungund kann zu Bedeukeu Anlaß geben. Ich werde deshalb auch nurmit aller Reserve in den folgenden Zeilen, soweit nicht völlig ein-wandfreie und vergleichbare Zahlen vorliegen (was nur für dieletzten Jahrzehnte des Jahrhuuderts der Fall ist), mein Urteilabgeben über die Veränderungen, welche die Einkommensschichtungin Deutschland während des neunzehnten Jahrhunderts erfahren hat.
Man kann diese Veräudcrungen unter einem zweifachen Ge-sichtspunkte betrachten: man kann entweder den Zustand vor hun-dert Jahren mit dem heutigen vergleichen und feststellen, worinsich die beiden unterscheiden; oder man kann die Verschiebungenin Betracht ziehen, denen der alte Stand der Dinge während derhundert Jahre unterworfen worden ist. Wir werden sehen, daßdiese beide:? Betrachtungsweisen zu wesentlich verschiedenen Ergeb-nissen führen.
Was jedermann, dem die vergangenen und die gegenwärtigenEinkommens- und Vermögensverhältnisse auch nur einigermaßenvertraut sind, bei einem Vergleiche sofort und vor allem auffallenmnß, ist die Tatsache, daß am Ende des Jahrhunderts eine Gruppevon Einkommensbeziehern eigentlich ganz neu hinzugetreten ist: dieGruppe der reichen Leute. Anders und etwas genauer ausgedrückt:das hervorstechende Merkmal der modernen Einkommensverteilung(im Gegensatz zn der vor hundert Jahren) ist der (private)Geldreichtum als Massenerscheinung. Reichtum war vorhuudert Jahren in Deutschland nur bei dem grundbesitzenden Adelzu finden. Dessen Reichtum ist aber (vou ganz wenigen Gc-