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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
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Das 19. Jahrh, endigt mit einem ungeheuren Defizit an idealem Schwung. 549

die Ortsaugesessenheit erzeugte», sind aufgelöst: die Bevölkerungist wie ein Haufeu Sandkörner in den neuen großen Gemeinwesenzusammengeschüttet worden, wo kein Band einen mehr an denandern bindet.

Die großen Ideale, die noch unsere Väter nnd Großväterbegeisterten, sind verblaßt: die nationale Idee ist verbraucht, nach-dem in mächtig aufflammender Begeisterung das uene deutscheReich errichtet ist. Was uns heute au Nationalismus gebotenwird, ist eiu schaler zweiter Aufguß, der niemand mehr so rechtzu erwärmen vermag. Die hohle Phrase muß die innere Ödeverdecken.

Dasselbe gilt von den großen politischen Idealen, nin dieunsere Vorfahren in den Tod gegangeil sind. Teils sind sie ver-wirklicht, teils in ihrer Belanglosigkeit erkannt worden. Die jungeGeiteration lächelt überlegen, wenn sie von dem Kampfe um diepolitischen Freiheitsrechte liest und die Erinnerungsfeiern dergroßen Begeisteruugszeiten werden zu lächerlichen Farcen. Neuepolitische Ideale sind aber nicht erstanden. Von der unsäglichenArmut unserer Zeit an idealem Schwünge legt die bemerkenswerteTatsache Zeugnis ab, daß die sc»i 6isg.nt revolutionäre Partei derGegenwart, die Vertreterin einer aufstrebenden Klasse, die Sozial-demokratie ihreu ganzen Bedarf an politischen Schlagwvrten ausdem Arsenale der alteu liberalen Parteien bezieht: noch heuteweiß mau dem Volke nichts besseres oder uichts anderes zu bietenals die Parole, unter der schon die Bastille gestürmt wurde:Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!

Aber auch die religiösen Ideale in ihrer heutigen Fassungscheinen ihre herrschende Kraft zum großen Teile eingebüßt zuhaben; sie entbehren der Frische und Ursprünglichkeit, ans denen-allein die hinreißende Begeisterung zu entspringen vermag. Daßsie aber niemals durch eiu paar ethische Postulate HumanitärenInhalts ersetzt werden können, hat die Erfahrung der letzten Jahr-zehnte wieder ergeben. So endigt das neunzehnte Jahrhuudertmit einem ungeheuren Defizit an idealer Begeisterung, an der ge-rade die letztvergangenen Zeiten so überreich gewesen waren.

Und nun, in dem Maße wie die idealen Güter schwinden,