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Die sozialen Klassen.
treten naturgemäß die materiellen Interessen in den Vordergrundund die Massen, die von keiner Idee mehr gefesselt werdenscharen sich um die Fahne der sozialen Klasse, iveun sie nicht vor-übergehende wirtschaftliche Interessen zu gelegentlichen Sonder-verbänden zusammenführt, wie angenblicklich die „Agrarier" imVnnde der Landwirte, der mit der ungünstigen Konjunktur ausdem Agrarprvduktenmarkte entstanden ist und verschwinden wird.Aber auch diese gewaltige Massenorganisation ist doch aus reinökonomischen Geiste geboren.
Wie sehr die Klasse an Stelle aller ehemals, wenn ich sosagen darf, idealen Gemeinschaften getreten ist, zeigt am deutlichstender Umstand, daß sie selbst als Ersatz für die fehlenden Idealedienen muß. In dem kämpfendcn Proletariate, in dem zweifelloshellte noch der meiste Idealismus steckt, muß das Bewußtsein derZugehörigkeit zu der verfolgten Kampfespartei selbst das nicht vor-handene objektive Ideal ersetzen. Der Sozialdemokrat, der nochwahrhafter Begeisterung sähig ist (und es gibt deren gewiß viele)hat nichts anderes mehr, wosür er sich erwärmen kann, als dieKlasse, der er angehört und die Partei, die für sie kämpft. Dasrein Formale: „Proletarier aller Länder vereinigt euch" enthältalles, was das Proletariat an objektiven, eigenen Idealen besitzt.?en Rest borgt es, wie wir sehen, von dem Bürgertums. Abernaturgemäß: das Bleigewicht der ökonomischen Interessen, auf denendoch die soziale Klasse sich aufbaut, wird immer den hohen idealenFlug verhindern, zumal wenn ihm kein klar umschriebenes Zielwinkt. Und so kommt es denn, daß auch uusere deS Idealismusnoch fähigste Bevölkerungsgruppe ohne Schwung, ohne Begeisterungarmselig und verkümmert dahinlebt. Oder will man etwa dasGerede aus einem sozialdemokratischen Parteitage in Vergleichstellen mit der begeisterten Stimmung, die die Zusammenkünfteder Demagogen beherrschte, die noch in der Panlskirche einengoldenen sonnigen Schimmer verbreitete?
Und wie es nicht anders zu erwarten war: mit der Fähigkeit,sich für große Ideale zu begeistern, ist in unserm öffentlichen Lebenauch die Freude an der Vertretung großer politischer Grund-sätze geschwunden. Ein Prinzipienloser, öder Opportunismus, eine