Die Verödung des Polilischen Lebens.
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schmunglose Geschästsuiäßigkeit haben die Herrschaft über nuserePolitik errungen. Wer mag heute noch über die Prinzipielle Be-rechtigung des Staatsbetriebes, des Arbeiterschutzes, der Gewerbe-sreiheit, der Geuosseuschaftsvrgauisation, des Freihandels mit Feuerstreiten? Die Masse, die als Zubjett anstritt, hat die Dis-kussion verflacht; die Masse, die als Objekt zu leiteu ist uud einefrüher unerhörte Kompliziertheit der Gesetzgebung uud Verwaltungerzeugt hat, hat die Politik zu einer schwierigen Berusstätigkeitgemacht, die der geschulte Teilarbeiter mit möglichst wenig Geistam geschicktesten auszuüben vermag. Und wenn man dazu nimmt,daß der Inhalt dieser entgeistigten Tätigkeit zum größten Teile derStreit um ökonomische Vorteile ist, so wird man sich uicht mehrwundern, wenn man sieht, wie tief das Niveau des politische,? Lebensam Ende des neunzehnten Jahrhunderts unter das aller früherenJahrzehnte gesunken ist. Man möchte es sast für unmöglichhalten, daß dasselbe Volk, in dem bor hundert Jahren die Stein,Hardenberg, Schön und Thaer Gesetze machte», iu dem iu den1820er uud 1830er Jahren Männer wie Nebenius, Humboldt,List deu Tou angaben, in dem vor einem halben Jahrhunderteine Versammlung wie die der Männer in der Paulskirche dieGeschicke der Nation berieten, in dem vor einem Menschenalternoch ein Treitschke und ein Lassalle am politischen Horizontewetterleuchtete», iu dessen Parlamente vor wenigen JahrzehntenMänner wie Bennigsen, Laster, Bamberger, Windhvrst, Neichens-berger mit einem Bismarck die Klingen kreuzten, das; dasselbeVolk, sage ich, einen solchen Tiefstand des Politischen Lebens er-reicht hat, wie ihn uns das ausgehende Jahrhundert erleben läßt.
Eine Folge dieser Verödung unserer Politik, die also, wieman es auch ausdrücken kann, in eine Klassenguerilla ausartet,ist es, daß sich die Gebildeten wieder mehr als während desverflossenen Menschenalters von alle»? öffentlichen lieben znriul-ziehen und das Interesse an politischen Vorgängen verlieren, wasnaturgemäß wieder eine weitere Senkuug des Niveaus der Politikzur Folge hat. Es ist doch auch in der Tat nicht zu verlaugcn,daß jemand, den es nicht persönlich angeht, oder der einen Be-ruf daraus macht, für die Erhöhung der Garnzölle oder für die