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des Materialismus ohne Zweifel ein gewaltiges revolutio-näres Element verborgen war, wohlgeeignet, bestehendeAutoritäten auf allen Gebieten aus ihrer Herrschaft zu ver-drängen. Was Wunder, daß das Proletariat zu ihr griff alszu einem brauchbaren Kampfesmittel und leicht greisenkonnte, da, wie wir wissen, eine seiner Daseinsbedingungendie Zerreißung aller alten Glaubensbande bildet. So er-klärt sich Wohl die Schwärmerei für den Atheismus undMaterialismus.
Und nun bedenken Sie, daß die Annahme dieses Dogmasnach der anderen Seite hin die Gegnerschaft bedeutetegegen diejenige Weltauffassung, die man als die schlechthinfeindliche, weil von den herrschenden Klassen vertreteneund in deren Interesse gebrauchte, ansehen mußte: diechristliche. Denn darüber darf kein Zweifel obwalten, daßin der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle das offi-zielle Christentum gegen die selbständige Emanzipations-bewegung des Proletariats von den herrschenden Klassenausgespielt worden ist. Das Schicksal, das andersdenkendeChristen erdulden mußten, ist der beste Beweis dafür. So-lange man nun aber mit Hilfe des Christentums Monarchieund Kapitalismus als notwendige, von Gott gewollteEinrichtungen zu verteidigen sich bemühte, mußte jedesoziale Bewegung anti-kirchlich und damit anti-religiöswerden. Es ist also der Argwohn gegen die im sozialenKampfe mindestens verdächtige Stellung der offiziellenVertreter der Kirche, was das Proletariat dieser Kircheund mit ihr der Religion entfremdet. In dem Augenblick,wo dieser Argwohn behoben wird, — und Sie alle wissen,daß die jüngeren Christlich-Sozialen insbesondere in Deutsch-land gerade dies sich zur Aufgabe gestellt haben —, in den:Augenblick, wo das Christentum als sozial indifferent, wieGöhre es predigt, oder direkt sozialdemokratisch ausgelegtwird, wie Naumann es thut, in dem Augenblicke sehe ichkeinen zwingenden Grund mehr, nachdem jener theoretische