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Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert : nebst einem Anhang: Chronik der sozialen Bewegung von 1750 - 1896 / von Werner Sombart
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längst unwirksam geworden ist, warum die proletarischeBewegung notwendig einen antireligiösen Charakter be-halten sollte.

Dabei mache ich eine stillschweigende Voraussetzung: daßnämlich die Religion den Existenzbedingungen des Prole-tariates angepaszt sei. Das ist selbstverständlich. Ob dasChristentum diese Anpassungsfähigkeit besitzt, wage ich nichtzu entscheiden. Immerhin spricht dafür, dasz es ihm ge-lungen ist, die Religion ebenso des dekadenten Roms wie derjugendfrischen Germanen, des Feudalismus wie des Städte-tums, wie endlich sogar der Bourgeoisie zu bilden. Warumalso nicht auch die Religion des Proletariats? Dann frei-lich in seiner lebensfreudigsten Gestaltung, deren es fähigist. Denn der asketische Zug des Christentums lächelt wenigeiner Klasse, die nach Luft und Licht drängt, die vor allemauch die Genüsse an der Lebenstafel hienieden sich ver-kümmern zu lassen nicht die mindeste Neigung verrät.

Recht wie mit dichten Nebeln der Leidenschaft über-hangen erscheint uns endlich jene Frage nach der Stellungder sozialen Bewegung zur Nationalität. Eingut Teil der heftig aneinander prallenden Gegensätze läßtsich, wie mir scheint, auf Unklarheit hüben wie drübenzurückführen. Zwar nicht unsere deutsche Sprache, aber dochunser deutsches Sprachgefühl unterscheidet sehr fein zweirecht voneinander verschiedene, aber nicht immer scharf ge-trennte Begriffe, die wir als Patriotismus und Nationalis-mus zu bezeichnen gewohnt sind.

Patriotismus, Vaterlandsliebe, das ist doch wohl einGefühl, das sich ohne unser Wissen und Zuthun in unseremHerzen festsetzt und darin lebt, wie das Heimweh und dieMutterliebe. Es ist eine Summe von Eindrücken, vonErinnerungen, über die wir nicht zu gebieten vermögen.Jener unbestimmbare Reiz, den der Klang der Mutter-sprache, der Klang des heimatlichen Liedes, den die tausendeigenartigen Sitten und Gebräuche, den die immerhin doch

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