gemeinsame Geschichte und Dichtung auf unser Gemüt immerund immer wieder ausüben. Ein Gefühl, das in der Fremdeerst zum rechten Ausbruch kommt und den vertriebenenRevolutionär nicht minder wie den friedsamen Bürger ander Seele Packt: warum dieses das Erbteil einer besonderenKlasse sein sollte, vermag ich nicht einzusehen. Es ist einethörichte Einbildung, daß solches Gefühl in breiten Massenje ausgestorben wäre oder aussterben könnte, so lange esüberhaupt noch Länder und Völker mit eigener Sprache undeigenen Liedern giebt.
Ganz etwas anderes ist der Nationalismus, die, wennich so sagen darf, verstandesmäßige Vertretung des natio-nalen Standpunktes insbesondere in Gegensatz und Feind-schaft zu anderen Nationen. Diesen Standpunkt teilt nichtnur nicht, sondern bekämpft schlechthin das moderne Prole-tariat. Was mag es dazu treiben?
Wiederum begegnet uns auch hier derselbe Zug, wievorhin bei der Stellung des Proletariats zur Religion, esverkörpert sich die Nationalitätsidee in den herrschendenKlassen und als deren Feinde wenden sie ihren Haß auchgegen jene. Zumal es der aufstrebenden Arbeiterbewegungnicht gerade sehr leicht gemacht wurde in vielen Ländern, sichmit der offiziellen Vertreterschaft ihrer Nation zu identifi-zieren: Haß, Verfolgung, Unterdrückung sind nicht die ge-eigneten Mittel, um die Freude an dem Gebäude zu erwecken,in dem man mit jenen zusammenleben soll, von denen dasalles ausgeht. Während jenseits der Grenzpfähle vom Prole-tariate des fremden, feindlichen Landes die Bruderhand gereichtwird, von den Leidensgenossen, zu denen gleiche Interessen,gleiche Bestrebungen so leicht die Brücke schlagen. Wahr-haftig, kein Wunder, wenn das moderne Proletariat eineanti-nationale, internationale Gesinnung allmählich einge-pflanzt bekommt.
Aber was ich für ganz verkehrt halte, ist: aus jenemimpulsiven Anti-Nationalismus eine anti-nationale Theorie