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zu verfertigen. Dazu sehe ich im Wesen der modernensozialen Bewegung keinerlei zwingenden Grund. Ausdrück-lich freilich habe ich selbst Sie hingewiesen auf die Tendenzzu internationaler Verständigung und internationaler Ver-einheitlichung der Bestrebungen. Das bedeutet aber meinesTrachtens nichts weniger als eine künstliche Aufhebung dernationalen Schranken. Wer nicht dem Phantom einerWeltrepublik nachsagen will, wird immer nur eine sozialeEnwickelung im nationalen Rahmen annehmen können.Wann nun aber die Gegensätze innerhalb der nationalenGemeinschaft — die sozialen — jene immer vorhandenenzwischen den Nationen überholen, wann diese jene, daswird man schwer auch nur für eine kurze Spanne Zeit mitGewißheit voraus zu bestimmen wagen dürfen. Daß aber,soweit wir überhaupt zu blicken vermögen, die energische Ver-tretung nationaler Interessen niemals ganz entbehrlich werdenwird, das freilich muß auch dem Kurzsichtigen klar sein.
Denn selbst dann, wenn in Westeuropa etwa sich dienationalen Gegensätze so weit gehoben denken ließen, daßnur die sozialen das Feld beherrschten, glaube ich, darf mandoch niemals annehmen, daß diese westeuropäische Kulturunbehelligt ihren Gang weiter nehmen wird, ohne daßandere Elemente sich einmischen werden. Wir dürfen nievergessen, daß — auch ein Ergebnis der modernen Verkehrs-entwickelung! — gegen die westeuropäische Kultur nicht alleindie russische Kultur oder Unkultur heranstürmt, sondern auchdie ostasiatische mehr und mehr stark nachdrängen wird-Die Entwickelung, die wir in dem Verlaufe weniger Jahr-zehnte in Ostasien erlebt haben, dieses rapide EmporwachsenJapans und jetzt der Versuch Chinas, ebenfalls Kulturvolkzu werden, um von den Früchten^ des Weltverkehrs mit zunaschen und sich zu expandieren aus seinem engen Kreiseheraus, diese Entwickelung wird unzweifelhaft einen Verlaufnehmen, der notwendig von neuem zu nationalen Gegensätzenführen muß. Es wird meiner Ueberzeugung nach der Augen-