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politische Anthropologie aus dem Bereiche unserer Erörterungen ausge-schlossen*).
Die Wissenschaft, der wir uns verschrieben haben, teilt sich in die beidengroßen Bereiche: der Natur- und der Geistwissenschaft, die, was Zielsetzungund Verfahren anbelangt, in einem unüberbrückbaren Gegensatz zueinanderstehen. Die vorliegende Abhandlung, die hier den ganzen Menschen zumGegenstand hat, trägt selbstverständlich geistwissenschaftlichesGepräge. Was das bedeutet, will ich kurz andeuten.
Die Eigenart der geistwissenschaftlichen Erkenntnisweise im Gegensat '4zur naturwissenschaftlichen besteht darin, daß sie sich als Ziel setzt, diekomplexen Sachverhalte, mit denen sie sich beschäftigt und die wir Sinn-zusammenhänge nennen, zu verstehen, während es der naturwissenschaft-lichen Erkenntnisweise (da ihr das Verstehen der Natur versagt bleibt),■darum zu tun ist, alle komplexen (zusammengesetzten) Erscheinungen inihre Elemente aufzulösen und das Verhältnis dieser Elemente zueinander.auf Regelmäßigkeit hin zu untersuchen und festgestellte Regelmäßigkeitenals sogenannte „Gesetze“ zu formulieren, ein Verfahren, das im Bereiche■des Geistes sinnlos ist**).
Also: wir wir uns auf der einen Seite vor dem Hinübergleiten in meta-physisches Denken hüten müssen, so müssen wir obacht geben, daß wir nichtnaturwissenschaftliche Gedankengänge einschlagen. So wandeln wir aufdem schmalen Grate geistwissenschaftlicher Erkenntnis, das heißt aberrationalen Verstehens, zwischen Abgründen der transzendenten Mächte aufder einen Seite, der Naturkräfte auf der anderen, umbraust von den Stür-men der Kritik. Unbildlich gesprochen: wir wollen kritisch Geistwissen-schaft treiben. Kritisch; das heißt: wir wollen uns zur Aufgabe stellen, dieverschiedenen Wissenszweige, die sich anheischig machen, uns Wissen vomMenschen zu vermitteln, auf ihre Legitimation dazu zu prüfen: zu unter-suchen, was sie uns an Erkenntnis darbieten wollen, können und — sollen.Bei dieser Prüfung werden wir sehr oft an die Grenzen stoßen, die allerwissenschaftlichen Erkenntnis gesteckt sind, wo die Bereiche sei es der All-tagserfahrung, sei es des Glaubens beginnen, der nicht der Anfang sondern■das Ende alles Wissens ist.
*) Über die verschiedenen Arten der Anthropologie habe ich in der in derAnin. 1) genannten Abhandlung das Nötige gesagt.
**) Wo die Naturwissenschaft heute keine Auflösung in Elemente mehr vor-nimmt, sondern sog. „Ganzheiten“ untersucht, bleibt das Verfahren doch das-selbe wie bei der Elementarforschung: es werden äußerlich Regelmäßigkeitenfestgestellt, und es wird (notgedrungen) auf Sinnerfassung verzichtet. Näheressiehe in meinem Buche: Die drei Nationalökonomien. 1930.