XXII
Was die Gliederung des Stoffes anbelangt, so habe ich das-ganze Buch — wie zu erwarten stand — in drei Teile eingeteilt.
Der erste Teil trägt die Überschrift: Der Mensch in seiner Eigenart.Hier versuche ich den Menschen in seiner Einzigheit und Wesenheit, alsoin abstrakter Allgemeinheit, darzustellen. Den zweiten Teil nenne ich:Menschen und Völker, um in ihm die verschiedenen Formen zu schildern,in denen die Menschen erscheinen: sei es als einzelne, sei es als Völker.Im dritten Teil, der vom Werden handelt, unternehme ich es, dasjenigezusammenzustellen, was die Wissenschaft über die Entstehung der Mensch-heit, der Völker und der Einzelpersonen auszusagen weiß.
Endlicli möchte ich mit wenigen Worten das Motto erläutern, das ichdiesem Buche vorangestellt habe. In ihm ist derselbe Gedanke in bejahen-der Form ausgesprochen, dem Mephistopheles in einem bekannteren Wortedie verneinende Prägung gab:
„Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
„Das nicht die Vorwelt schon gedacht?“
Welche Wahrheit sich flugs bestätigt, wenn wir des Wortes des römischenDichters gedenken:
„Nullum est jam dictum, quod non sit dictum prius.“
Wenn dem aber so ist — wenn wie im vorliegenden Falle über das Wesendes Menschen alles Vernünftige schon vor hundert und mehr Jahren gesagtworden ist und nun noch einmal darüber geredet werden soll — was kannder Nachfahre tun? Er kann die Tatsache übersehen und kann die altenGedanken als die seinigen vortragen: das ist die Regel. Sei es, weil er sienicht kennt, sei es, weil er sie nicht kennen will. Damit versetzt er sich indie vorteilhafte Lage, seiner Darstellung den Zauber der Geschlossenheitund der Ursprünglichkeit zu verleihen, der auf aller Neuschöpfung ruht.Ein solcher erreicht aber diese Wirkung nur mit einem Opfer an Ehrlichkeit,das der andere nicht zu bringen vermag. Dieser fühlt die Verpflichtung;überall dort, wo es ihm bekannt ist, auf diejenigen Aeußerungen seiner Vor-gänger hinzuweisen, in denen die gleichen oder ähnlichen Gedanken ent-halten sind. Das ist der Weg, den ich in diesem Buche gegangen bin. Aucher gewährt viele reizende Ausblicke und — was das wichtigste ist — es istderjenige, der sicherer zum Ziele führt: den Leser von der Richtigkeit be-stimmter Sätze zu überzeugen. Denn wer hegte kein Mißtrauen gegenüber