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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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vermehrt, und dann sind einzelne Trupps der gleichen, meist aber erst derfolgenden Generation, ausgewandert 33a ). So ist schon der homo primigenius(Neanderthaler) von Asien bis Westeuropa, von Belgien zur Südspitze Süd-afrikas gewandert. Er hat schon in dieser frühen Zeit eine Verbreitungüber die Erde erlebt, wie kein Tier. Und hier nun begegnet uns abermalseine erstaunliche Leistung des Geistes: er hat es fertig gebracht, daß Men-schen überall auf der Erde wohnen, arbeiten und ihrenUnterhalt gewinnen können, während jede Tiergattung auf einenmehr oder weniger engen Bereich der Erdoberfläche beschränkt ist: dieseUbiquität des Menschen ist doch wohl nur eine Folge seiner durchgängigenGleichheit. Vgl. übrigens das 21 . Kapitel.

Im Grunde enthält jede sinnvolle Arbeit eineAufgabe, die zu erfüllendem Menschen obliegt. Meist aber verwenden wir das Wort Aufgabein einem höheren Sinne, um damit die Tätigkeit des Menschen im Diensteeiner Idee zu bezeichnen: diese Hingabe an die Idee ist die höchste Form,in der der Mensch loskommt von seinem Ich. In einprägsamer Weise drücktdas deutsche Wort Aufgabe diesen Doppelsinn aus: indem wir eine Aufgabeerfüllen, geben wir uns auf, opfern wir uns für eine Idee und gewinnen unsdadurch in reinerer Form zurück.

Die Idee, die uns als Ideal vorleuchtel und die uns gefangen nimmt biszur Krankhaftigkeit wir sprechen dann von einerfixen Idee kannjede beliebige Form annehmen: von der trivialen Idee einer Sammlertätigkeitbis zu der höchsten Idee politischer, künstlerischer oder religiöser Natur.Wir drücken diesen Tatbestand so aus, daß wir sagen: der Mensch lebtideenhaft, und daß wir feststellen: dieses ist eine der Formen, diehöchste, die der Geist geschaffen hat, um den unsteten Wanderer auf seinerFlucht vor sich selbst auf Zeiten ausruhen zu lassen, ihm Befriedigung undFrieden zu schenken.

Diese ideale Lebensführung bedeutet eine Lebensführung, die gar nichtmehr von irgendwelchen vitalen Interessen bestimmt wird, wie es die Lebens-philosophen immer wieder vergeblich zu beweisen versuchen, die geradezugegen das Leben gerichtet sein kann, wie der Märtyrer- oder der Helden-tod im Dienste des Vaterlandes.

Menschen, die gemeinsam derselben Idee dienen, bilden eine Gemein-schaft, worunter ich Stätten verstehe, in denen der Mensch auf seiner Wan-derschaft durch das irdische Leben eine Strecke gemeinsam mit anderenebenso einsamen Menschenkindern rasten kann. Ich habe sie Schutzhüttenoder Hospize des Geistes genannt, in denen sich die einsamen Wanderergegen Sturm und Unbilden des Lebens bergen können. Sie nehmen die dreiFormen der Societates naturales an und erscheinen als familienhafte, poli-