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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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tische oder religiöse Gemeinschaft, worüber im folgenden Kapitel noch zusprechen sein wird.

Diese Feststellung aber, daß der Mensch ideenhaft lebt, treibt uns weiterzu einer anderen, noch wesentlicheren: daß nämlich manche der Ideen, inderen Schutze wir rasten, nicht aus dieser Welt stammen können, sondernüberempirisch sein müssen. Ideen wie die des Wahren, Guten, Schönen ausder Erfahrung abzuleiten, ist schlechterdings unmöglich, da sie dieser erstdas Licht, erst denSinn verleihen. Was wir aber damit feststellen, istdie Transzendenz als eine von unserm Wesen unabtrennbare Eigen-schaft. Das heißt: daß unsere Existenz sich im Transzendieren der Erschei-nungsweltaktualisiert, und daß der Mensch erst ganz er selbst ist, wenner im Bewußtsein dieser Bezogenheit auf die Transzendenz lebt.

Dieser Satz bestätigt eine Erfahrungstatsache, überschreitet also dieGrenze derpositiven Wissenschaft nicht. Das tut auch ein zweiter Satznicht, den ich hinzufüge: daß nämlich der Mensch über alle irdischen Be-reiche hinaus sein Ich in der Vereinigung mit transzendenten Mächten, inder Hingabe an Gott auszulöschen, zu vergessen bestrebt ist, als womit wirauf einen letzten Versuch des Menschen stoßen, durch Hingabe sein bren-nendes Verlangen nach Ruhe und Frieden zu stillen.

In unseres Busens Reine wohnt ein Streben,

Sich einem Höheren, Reineren, UnbekanntenAus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,

Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;

Wir heißens Frommsein.

Daß diese Vereinigung wiederum ein Werk des Geistes kein leererWahn, keine bloße Ausgeburt unserer Phantasie ohne Realität, keine Hallu-zination ist: dafür bürgt uns die Natur des Geistes, den wir als einen Send-ling aus einer anderen Welt, als überirdisch erkannten.Unser Geist istein Wesen ganz unzerstörbarer Natur: er ist ein Fortwirkendes von Ewig-keit zu Ewigkeit. Er ist der Sonne ähnlich, die bloß unsern irdischen Augenunterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhör-lich fortleuchtet. Diese schönen Worte Goethes drücken unsere Ge-danken in poetischer Form aus, ohne darum noch immer nicht mehr als eineErfahrungstatsache festzustellen. Wollen wir über diese hinaus der un-zweifelhaften Transzendenz des Geistes eine Gestalt, einen Sinn, eine Be-deutung für uns verleihen: dann freilich müssen wir einen Glauben wagen;einen Glauben, der seit H e r a k 1 i d die Besten beseelt hat und der auchder Christenglaube ist: daß unser Seinein Mitsein mit einem allumfassen-den, allerkannten Göttlichen ist, das uns in der Gestalt der Liebe seine