Gegenwart auf dieser düsteren Erde bekundet. Dann aber — so vollendetsich dieser Glaube — ist unser letztes Ziel die „Erlösung“. Erlösung istaber nichts anderes, als die endgültige Überwindung des Ichs, der „Indivi-duation“, die Ankunft am Ziele, die Herstellung der Ganzheit im höchstenund letzten Sinne. Dann gilt der Satz des Augustinus: „Cor meumtriste, donec requiescat, Domine, in te“.
Will man alles das, was der Geist tut, um uns das Leben auf dieser Erdeerträglich zu machen, um uns zum Ausharren zu bewegen, metaphysisch ineinem Begriffe erfassen, so kann man sagen, daß er uns auf die verschie-denste Weise in einen Rausch versetzt und uns im Rausche uns undunser Elend vergessen läßt. Die Rauschformen stellen eine große Skaladar von den gemeinsten bis zu den hohen und höchsten, je nach dem Mittel,das den Rausch bewirkt: Opium und Kokain, Wein, Bier und Schnaps, Spielund Tanz, Liebe und Arbeit, Ruhm und Opferung, Begeisterung und Enthu-siasmus: alles sind nur Mittel des Rausches, dem wir unser Ausharren aufdieser Erde verdanken. Oder: wem der Ausdruck Rausch allzu realistischanmutet, der spreche von Zauber 34 ).
Die Sache liegt also gerade umgekehrt als Schopenhauer sie sichdachte: nicht „der Wille“, „das Leben“ sind es, die sich an die Welt mitklammernden Organen halten, während uns der Intellekt (der Geist) diePforten des Jenseits öffnet und uns durch „Erkenntnis“ aus dem Bannedieser Erde befreit. Sondern: „das Leben“ — freilich das gebrochene Leben,wie es die Menschheit zu führen verdammt ist —• fühlt sich hienieden keines-wegs behaglich und froh: es würde, je eher, je lieber aus diesem Jammertalefliehen. Und nur der Geist ist es, der es — aus Gründen, die uns ewigesGeheimnis bleiben werden — an diese Erde mit tausend Banden fesselt. Erweiß es über sein Elend so geschickt hinwegzutäuschen, daß es seinemDrange, sich selbst zu endigen, widersteht, ja, daß die Träger dieses frag-würdigen Lebens, die Menschen, immer wieder zu der Überzeugung kommen:das irdische Dasein sei im Grunde gar nicht so unerträglich, wie es ihnenerschienen ist. Das macht der Rausch, das macht der Zauber, aus dem siesprechen. Der Rausch, in den sie der Geist versetzt hat: der Geist, der hierin der Maske des Dionysos erscheint und den Thyrsusstab schwingt.
3. Wem bei dem kurzen Aufstieg in die über-empirische Sphäre, die wirin den letzten Zeilen unternommen haben, der Atem ausgeblieben ist, derhat jetzt sogleich Gelegenheit, sich gründlich zu erholen, da ich im folgendenwiederum von sehr irdischen Taten des Geistes zu berichten habe.
Ich will nämlich aus dem großen Problem der Formgebung des Lebensnoch einen sehr menschlichen, trivial gesprochen: allzu menschlichen Zugherausheben, der, soviel ich sehe, in dem hier gefaßten Sinne bislang keine