Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

Beachtung gefunden hat, das ist das Bemühen, die geistige Form dazu zu be-nutzen, um uns den Lebensvorgang selbst, gegen den wir offenbar eineursprüngliche, innere Feindschaft (oder einen Widerwillen) hegen (denNietzsche ganz abwegig mit der christlichen Gesinnung in Verbindungbringt, während wir ihm in allen Kulturen gleichmäßig als einen allgemeinmenschlichen Zug begegnen), um diesen Lebensvorgang und seine Äuße-rungen für uns erträglich zu machen, oder ihn in seinen Wirkungen undÄußerungen unsern Bedürfnissen anzupassen, oder auch seinen Effekt inunserm Interesse zu steigern.

III

Was ich im Sinn habe, kann man die Verkleidung oder auch dieAbblendung des Lebens durch den Geist nennen, die unsergesamtes Dasein durchzieht und ihm ein besonderes Gepräge aufdrückt.

Sie tritt zuerst auf als Verkleidung unserer eigenen Leib-lichkeit. Das erste, was der nackteWilde tut, ist: seinen Leib von sichzu distanzieren, dadurch, daß er ihn bemalt, verstümmelt oder schmückt.Derzivilisierte Mensch aberbekleidet, will sagen er v e r kleidet seinennaturhaften Leib mit Hilfe von allerhand bunten Fetzen und Füttern. Offen-bar tut das der Mensch, weil ihm der Anblick seines Leibes in seiner natür-lichen Gestalt unerträglich ist: naturalia sunt turpia. Mit dieser Verklei-dung drückt er den Abstand von der Natur, aber auch seinen Verzicht aufNatürlichkeit aus. Er tut damit den entscheidenden Schritt zur Unwahr-haftigkeit, zum falschen Schein, zu Hypokrisie und Betrug, zu Verlogenheitund Schwindel, aus denen er sein Leben aufbaut. Der Mensch erweist sichdurch diese Verkleidung seiner selbst als das unwahrhaftige Ge-schöpf auf der Erde, sehr zum Unterschiede von aller übrigen Kreatur,die in ihrer unverdorbenen, unversteckten Natürlichkeit verharrt und damitin einem seltsamen Gegensatz zu dem zur Karikatur entstellten Menschensteht.

Ebenso aber wie unsern Leib verkleiden wir alle unsere Lebens vor-gänge mit Hilfe kunstvoller Geistgebilde, die in Sitten und Gebräuchenihren Niederschlag finden. Ich will diesen Vorgang der Verkleidung an denbeiden wichtigsten Lebensvorgängen: dem Ernährungsakt und dem Fort-pflanzungsakt zu verdeutlichen versuchen.

Daß der Ernährungsvorgang für den geistigen Menschen un-appetitlich ist, unterliegt keinem Zweifel und ist wohl immer so empfundenworden. Das Schlingen, Kauen, Schmatzen ist unerfreulich, der Verlauf desErnährungsprozesses in seinen mittleren und letzten Stadien ist widerwärtig.So lag es nahe, den ganzen Vorgang zu verbergen, zu kaschieren. Das hat