Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
62
Einzelbild herunterladen
 

62

man auch frühzeitig mit den späteren Stadien getan: die Sitte hat dasRülpsen und andere Geräusche, die sich bei der Verdauung einzustellenpflegen, verboten und für die Vollendung des Ganzen den Menschen in dieEinsamkeit verwiesen (ich höre, daß in Rußland auch dieser letzte Akt derVerdauung kollektiv vollzogen wird, weil man in dem geheimen Örtcheneinen schmählichen Rest bourgeoisen Individualismus erblickte; das wäreganz folgerichtig). Aber wie steht es mit der Einleitung des Ernährungs-prozesses, der Einnahme von Speisen und Getränken? Hier sind die Maß-nahmen des Kaschierens nur ganz vereinzelte: wir dürfen nicht allzudeutlich zeigen, daß wir Hunger haben. Und diegute Sitte (aber nurdiese) verbietet, daß man sein Butterbrot öffentlich, uns vor der Nase, ver-speist (oder daß die Schulkinder Käsestullen in die Schule mitbringen).

Aber im allgemeinen empfinden wir doch seltsamerweise keinenWiderwillen, mit einem andern gemeinsam unsere Nahrung zu uns zunehmen. Hier hat der Geist das Unappetitliche, dasturpe, das auch dieserVornahme unstreitig anhaftet, auf eine andere Weise überwinden müssen,nämlich durch den Vorgang der Sublimierung, der Einkleidung inedlere Vorstellungen, die den Menschen von dem Akte selbst ablenken unddiesen als Ausdruck höherer, geistiger Bestrebungen und Betätigungen er-scheinen lassen. In allen Frühkulturen ist zu diesem Behufe die gemein-same Mahlzeit zu einer kultischen Handlung erhoben worden und wohl alssolche zuerst aufgetreten: von dem Kannibalismus, der Menschenfresserei,an bis zu den Sussitien und dem christlichen Abendmahl hat das Zusammen-speisen eine symbolische Bedeutung gehabt. In abgeschwächtem Sinne giltdas für die gemeinsame Familienmahlzeit: in ihr soll der Zusammenhalt desHauses seinen Ausdruck finden. Allenfalls läßt sich diese symbolische Be-deutung auch noch für festliche Gelage annehmen, in denen häufig bestimmteSpeisen und Getränke in einem ganz bestimmten, höheren Sinne gereichtund genossen werden. Wenn Menschen sich zur gemeinsamen Einnahme vonSpeisen und Getränken ohne eine symbolische Bedeutung vereinigen, sotritt dasturpe deutlich zutage und wird nur wiederum kaschiert durch fest-liche Aufmachung der Menschen und Dinge: Feierkleid, Ausschmückung de;Tafel, Kostbarkeit der Speisen und Getränke, und was sonst noch der erfin-derische Geist bereit hält, um das Naturhafte zu verbergen. Auch versuchtman durch angeregte Unterhaltung, durch Entfaltung von Witz und Espritüber das Peinliche der Situation: das Schlingen, Kauen, Schmatzen (und dieErinnerung an das grauenvolle Ende!) hinwegzutäuschen. Auch die Weinund Bier verherrlichenden Dichtungen gehören hierher.

Es gibt aber noch einen dritten Weg, auf dem der Mensch von seiner Tier-heit loskommt und den Ernährungsakt sich erträglich macht: das ist die