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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Raffinierung. Diese besteht darin, daß aller Bezug des Essens undTrinkens auf die Naturhaftigkeit des Ernährungsaktes ausgeschaltet wirdund eine rein geistige Prozedur an die Stelle des naturhaften Vorgangstritt: man ißt (eigentlich frißt) nicht, sondern manspeist; man hat keinenHunger, sondern höchstens Appetit; man verzehrt kleinste Mengen kunstvollhergestellter Speisen und nippt an kostbaren Getränken: das Zeichen einesguten Diners: man steht hungrig auf. Man benimmt sich ganz und gar alsMensch und läßt vergessen, daß man einen Schlund, einen Magen und einenDickdarm hat. Man hat höchstens eine Zunge und eine Nase.

Was für den Ernährungsakt gilt, gilt in erhöhtem Maße für den Fort-pflanzungsakt: daß er in höchstem Grade turpe, häßlich, unappetitlich,ja widerwärtig ist. Der Geist steht sprachlos vor der empörenden Naturtat-sache, daß wir diejenigen Glieder unseres Leibes, die der Exkrementen-ausstoßung dienen, in Tätigkeit setzen müssen, um die Fortpflanzung zu er-möglichen. Von den zahlreichen widerlichen Begleiterscheinungen des Zeu-gungs- und Geburtsaktes gar nicht zu reden. Unsere Gefühle gegenüberdiesem Tatbestände schwanken, wenn wir nicht in viehischer Brunst sind,zwischen Scham und Ekel. Uns von diesen peinlichen Gefühlen zu befreien,hat nun der Geist wieder getan, was er konnte. Seine Mittel, die er dabeianwendet, sind dieselben, die sich bei der Verkleidung des Ernährungsaktesbewährt haben: Kaschierung, Sublimierung, Raffinierung (wie ich des Gleich-klangs wegen es in Fremdwörtern ausdrücke, für die es übrigens auch kaumeine erschöpfende Übersetzung gibt).

1. Kaschierung: wir entziehen die Geschlechtsteile und alles, wassich auf den Fortpflanzungsakt bezieht den Sinnen: dem Auge, dem Ohre(man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen, was keusche Herzen nichtentbehren können), der Nase (durch Reinlichkeit).

2. Sublimierung: diese hat hier eine ganz besonders reiche Fülle anMitteln zu verzeichnen. Da ist zunächst wieder das religiöse Mittel: hierhergehören alle orgiastischen Kulte, an denen die frühen Kulturen, aber auchdas klassische Altertum (Dionysos-Kult!) so reich sind. Dann haben wirhier im Gegensatz zu den spärlicher besungenen Speisen und Getränken eine unermeßliche Poesie, die der Verherrlichung und Verhimmelung der.Liebe dient. Das (unbewußte) Streben dieser Liebespoesie geht darauf hin-aus, die Naturhaftigkeit der Leibesbeziehungen womöglich ganz und garwegzudichten und sie zu rein geistigen Vorgängen emporzuheben. Daseben nennen wir ja: sublimieren. Im Grunde ist uns erst ganz wohl, wennwir die Liebenden auf das Niveau einer Dante-Beatrice-Liebe emporgehobenhaben, wo der letzte Erdenrest, die letzte Naturhaftigkeit, die letzte Tierheitabgestreift und reiner Geist übrig geblieben ist: wo der Eros zur Agape