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wird. Das ist ja auch der tiefere Sinn des platonischen „Gastmahls“: dieseEmporhebung, Emporsteigerung des Eros zum rein Geistigen als möglichund wünschbar aufzuzeigen.
3. Raffinierung: Auch sie findet im Bezirke des Liebeslebens einreiches Feld der Betätigung, und es muß anerkannt werden, daß der Geisteine unermeßliche Fülle von Mitteln entfaltet hat, uns auf diesem Wege vonder Animalität, zu deutsch: der Tierhaftigkeit des Zeugungsaktes zu be-freien. Wenn Goethe Mephistopheles zum Herrn sagen läßt: der Mensch
„er nennt’s Vernunft und braucht’s allein„nur tierischer als jedes Tier zu sein...“
so hat er offenbar in erster Linie an die hier gemeinte Raffinierung desLiebeslebens gedacht. Er hat den Gedanken nur schlecht ausgedrückt. In'der ars amandi, die der Teufel uns geschenkt hat, tritt doch gerade die Über-gipfelung,- die Überwindung des Tierischen und die Hinkehr zum Geistigenzutage. Das Tier kennt keinen einzigen der vielen Späße, die sie uns lehrt.Und allein" die Tatsache, daß sie uns gelehrt hat, der Liebe zu pflegen ohneden tierischen Trieb und ohne die natürliche Wirkung der Empfängnis, be-deutet eine Vergeistung dieses Bezirkes des Lebens, die sicher dazu dient,das turpe naturale in weitem Umfange erträglich zu machen.
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Ich wollte noch einen wichtigen Fall der Verkleidung durch den Geist hierzur Sprache bringen: die Verkleidung des Nächsten in der Gestalt meist aufHeuchelei beruhender Umgangsformen, durch die uns die Existenz der Mit-menschen erträglich gemacht werden soll.
Ich glaube aber, daß ich das Problem besser in einen andern Zusammen-hang stelle, zu denjenigen Problemen, die sich aus der Tatsache des Zu-sammenlebens der Menschen ergeben, aus ihrer Gesellschaftlichkeit, von derwir bisher ja noch gar keine Notiz genommen haben.
Diese Probleme aber behandelt das folgende Kapitel, in dem eine neueReihe von „Taten des Geistes“ zur Darstellung gelangen.
Fünftes Kapitel: Die Gestaltung der Gesellschaft
I
Der Mensch lebt gesellig: unus homo, nullus homo. Das Insgesamt desMit-Für-Gegen der menschlichen Beziehungen nennen wir die menschlicheGesellschaft. Diese menschliche Gesellschaft hat auch der Geist aufgebaut:sie gehört zu seinen Taten. Denn sie wäre, so wie sie ist, ohne ihn nicht da,weil er die dem Menschen eigene Art der Verbundenheit schafft.