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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Verbundenheit ist eine allgemeine Erscheinung in der Welt: auch Steineund Tiere und Pflanzen können verbunden sein. Offenbar je in besondererWeise. Es fragt sich, welches die dem Menschen eigene Verbundenheit ist.

Die dem Menschen eigene Art der Verbundenheit ist nun nicht die körper-liche, die auch die Steine haben, nicht die leibseelische, die auch die Pflanzenund Tiere haben, sondern ist die geistige; die Menschen sind im Geiste ver-bunden, zwar auch körperlich, zwar auch leib-seelisch, aber immer auchgeistig und insofern menschlich.Künstlich, wie man auch sagen kann,nicht natürlich (Kunst ist des Menschen Natur: Burke).

Dieses Werk der Verbindung schafft der Geist aus innerer Notwendigkeitheraus; indem er lebendig wird, stellt er eine Beziehung zwischen Menschenher. Er kann sich nur im Rahmen einer Gesellschaft entfalten. Der subjek-tive Geist wird nur geweckt in der Menschenseele durch Beispiel, Anregung,Lehre. Der Einzelmensch wäre geistlos: die Sprache kann nur durch anderein uns eingepflanzt werden. Sie setzt aber auch notwendig ein Du voraus,um gesprochen zu werden. Aber auch alles Menschenwerk, alle objektiveKultur erfüllt sich nur in Gesellschaft, durch Gesellschaft: Religion,Kunst, Recht, Staat, Wirtschaft wären nicht da ohne menschliche Gesell-schaft. Insofern können wir sagen, daß diese für den Menschen, weil er mitGeist ausgestattet wurde, wesensnotwendig oder denknotwendig ist.

Deshalb ist auch die Frage: ob die einzelnen oder die Gesellschaft, dieTeile oder dasGanzefrüher seien (oder gewesen seien) müßig, wie dieFrage: ob das Huhn oder das Ei vorher da sei. Man muß sich an den Ge-danken gewöhnen, daß solche Kategorien, wie die menschliche Gesellschaftoder ihre Bestandteile, wie der Staat oder die Kunst oder die Sprache keinehistorischen Kategorien sind, und daß es keinen Sinn hat, sieentstehen zulassen, so daß es einmal eine Zeit gegeben habe, in der diese Dinge nichtbestanden. Wenn Wesen, die wie Menschen aussahen, nicht geselliglebten, dann waren sie nicht mit Geist begabt; wenn sie aber nicht mit Geistbegabt waren, dann waren sie keine Menschen. Wir stoßen hier auf dasProblem der Erschaffung des Menschen, auf das ich in anderm Zusammen-hänge noch einmal zurückkomme: siehe das 19. Kapitel.

II

Wir fragen, was denn das heißt:im Geist verbunden sein und stellendrei verschiedene Bedeutungen dieses Satzes fest.

Im Geiste verbunden sein besagt:

1. verbunden sein zu etwas: zu Geistgebilden, die eine Mehrheitvon Menscheneinen,verbinden, und die wir deshalb Verbände nennenwollen. Ein Verband, können wir auch sagen, ist eine Gruppe von Men-

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