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Die Lage der Dinge, im Bilde ausgedrückt, ist also diese: daß immerfortseit dem Beginnen der neuen Zeit zwei Ströme nebeneinander her-geflossen sind: ein animalistischer und ein hoministischer, von denen schwerzu sagen ist, welcher von den beiden jeweils die stärkere Strömung gehabtund das breitere Bett eingenommen hat. Man müßte, um das festzustellen,die Anhänger der einen und der anderen Auffassung auszählen und das istja — Gott sei Dank — nicht möglich. Hier wie in allen ähnlichen Fällenmuß man sehr vorsichtig sein, wenn man ein ganzes „Zeitalter“ seinemGeiste nach kennzeichnen will.
Ich werde nun, wie ich im vorigen Kapitel einen Überblick über einigeHauptvertreter der animalistischen Auffassung gegeben habe, so im folgen-den einige stellvertretende Hoministen des 15. bis 20. Jahrhunderts demLeser vor Augen stellen. Auf diese Übersicht lege ich höheren Wert alsauf die des vorigen Kapitels, weil die Tatsachen viel weniger bekannt sind.
Die Italiener der Renaissance haben zum größten Teil ihre selb-ständigen Ansichten, die in einer weitgehenden Anerkennung der menschlichenEinzigheit gipfelt. Sie stellen vor allem die Wahrheit von einem moralischenGrundsatz des Willens fest, nach welchem dieser aus eigenen inneren Kräften zueiner Herrschaft über die Leidenschaften gelangen kann. Das gilt auch für dieFreigeister der Zeit. Aber auch die theoretischen Probleme lösen sie großenteilsim Sinne einer hoministischen Auflassung. So stellen F i c i n o (1433—1499) undPico della Mirandola ( 1463—1499) fest, daß der Mensch das synthetisch-schauende Wesen ist, das dem Weltganzen betrachtend und dessen Werke insich verwirklichend gegenübersteht, aber auch das Wesen, das in seiner Geistig-heit sich frei weiß. Daneben bleibt für sie die Tatsache bestehen, daß derMensch diesem Weltganzen eingeordnet, eine Gattung neben andern ist. DieseEinsicht verträgt sich aber sehr wohl mit der andern, daß der geistige Menscheiner andern Ordnung als der Körper angehört. Selbst Weltgeschöpf, steht derMensch doch außerhalb der Welt, worin seine Tragik begründet ist. Sein Wesenist ein ewiges Streben. Vgl. B. Groethuisen, Phil. Anthropologie (1931),110 f.
Auch unter den bedeutenden „Anthropologen“ des 16. Jahrhunderts finden wireine große Anzahl von „Geist“-Psychologen. So lesen wir bei Joh. LodoviciVivis Valentini De anima et vita Libri tres (1555): hominis — anima, qua esthominis, ex tribus constat praecipuis, sive functionibus, sive facultatibus, siveviribus, sive muneribus ac ofiiciis, sive (ut alii appellant) potentiis ac partibus .. .Hae autem sunt mens sive intelligentia, voluntas ac memoria, in quibus relucetimago divinae trinitatis, sicut a sanctis patribus demonstratum est. Lib. II inprinc. p. 51.
Ähnlich T e 1 e s i o (geb. 1508), dessen Geistbegrifl keineswegs, wie D i 11 h e y(WW 2, 434) annimmt, metaphysischer Natur ist. Vielmehr schließt T e 1 e s i oauf die Existenz des Geistes im Menschen aus bestimmten Erfahrungstatsachen,vor allem aus der Tatsache, daß der Mensch Dinge erforscht, die ihm von keinemNutzen sind. Alle andern „animalia “ sind nur auf Dinge bedacht, die der Selbst-erhaltung dienen, sie begnügen sich mit dem Genüsse gegenwärtiger Güter, die
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